Vom Überblick zum Detail

Rebecca Köck

Trainingsplanung.

Lukas Höllrigl, im Olympiazentrum Innsbruck für Training und Leistungsdiagnostik zuständig, betreut neben Spitzensportlerinnen und -sportlern einiger Sportarten u.a. auch die ÖSB-Kaderschützinnen Nadine Ungerank, Olivia Hofmann und Rebecca Köck. Die Erstellung und permanente Reflexion von Trainingsplänen sind die Basis seiner Arbeit mit den Athletinnen und Athleten und der Grundstein auf dem Weg zum Erfolg.

Seit jeher strebt der Leistungssport nach Struktur im individuellen und erweiterten organisatorischen Rahmen um Leistungen punktgenau abrufen zu können und so die bestmögliche Performance am „Tag X“ zeigen zu können. So wurden einzelne Trainingseinheiten bereits in den 50er-Jahren von der Tschechoslowakischen Lauflegende Emil Zátopek erstmalig in Intervalle gegliedert, eine erste strukturierte Trainingseinheit im Ausdauertraining, das „Intervalltraining“, war geboren. Des Weiteren wurden erste längerfristige Trainingszyklen in der Planwirtschaft der ehemaligen UdSSR eingeführt. Lew Matwejew war hier die treibende Persönlichkeit und gilt somit als Begründer der Periodisierung im Sport. Es wurde vor allem in Olympiazyklen geplant, um für olympische Spiele in Höchstform zu sein.

Rahmentrainingsplan und Leistungsdiagnostik

Mittlerweile verfolgt eine Trainingsplanung natürlich weit mehr Ziele als im Vier-Jahres-Rhythmus in Topform zu sein. So wird von Trainerinnen und Trainern versucht die sportliche Entwicklung der Athletinnen und Athleten über verschiedene Zeiträume zu strukturieren. Eine Ausgangsbasis bietet hier der Rahmentrainingsplan der jeweiligen Sportarten: In diesem wird die langfristige Leistungsentwicklung vom Kindes- bis ins Höchstleistungsalter strukturiert und vorgegeben. Im Idealfall werden Rahmentrainingspläne von den jeweiligen Sportverbänden erstellt und den Trainerinnen und Trainern der einzelnen Leistungs- und Altersklassen zur Verfügung gestellt. In den Rahmentrainingsplänen werden Trainingsinhalte, Methoden sowie Umfänge und viele weitere Kennziffern definiert. Diese trainingssteuernden Größen sollten in der betreffenden Entwicklungsstufe eine definierte Ausprägung erreichen. Dies wird fortlaufend mittels Leistungsdiagnostiken und Trainingsanalysen überprüft.

Hier wird natürlich ersichtlich, dass eine lückenlose Leistungsdiagnostik für die Überwachung des Trainingsfortschrittes unerlässlich ist. Diese muss in spezieller Form für die Schützin und den Schützen am Schießstand, aber natürlich auch in allgemeiner sportmotorischer Form durchgeführt werden. Durch diese Vorgehensweise kann gewährleistet werden, dass Nachwuchssportlerinnen und Nachwuchssportler in den Entwicklungsstufen der Kaderpyramide nicht „durch den Rost fallen“ und sich auf dem richtigen langfristigen Weg befinden.

Das Trainingsziel in der Trainingsplanung

Es kann also festgehalten werden, dass jede Trainingsplanung mit einem Abgleich des aktuellen Leistungsniveaus mit dem Trainingsziel beginnt. Darauffolgend muss der lange Weg ans Trainingsziel in immer kleiner werdende Teilschritte heruntergebrochen werden. Man spricht von Trainingsperioden. Diese Perioden sind definiert durch die Trainingsinhalte, Umfänge, Intensitäten, aber auch Trainingsziele. Eine wichtige Aufgabe von Trainerinnen und Trainern hierbei ist es, die Realisierbarkeit der gewünschten Entwicklung im jeweiligen Zeitraum genauer zu betrachten und realistisch zu bewerten. Wenn beispielsweise unrealistisch hohe Ziele von den Athletinnen und Athleten verfolgt werden, sind Enttäuschungen vorprogrammiert, was der Motivation natürlich kaum zweckdienlich erscheint. Hier wird deutlich, dass wir uns in einem dynamischen Prozess befinden, welcher sich ständig kreislaufartig wiederholt.

Um sich jedoch nicht in zeitlich zu weit entfernten Trainingszielen zu verlieren, ist es unerlässlich, dass die Planung mit der groben Jahresplanung beginnt und immer kürzer werdend mit der einzelnen Trainingseinheit endet. Nur so kann der sprichwörtliche „große Berg“ vor dem man sich befindet in überschaubare Etappen heruntergebrochen werden. Mittlerweile werden diese Prozesse, auch am Olympiazentrum in Innsbruck, über fortschrittliche Softwaretools abgewickelt und auch überwacht.

Planung und Improvisation

Zusätzlich müssen in der modernen Trainingsplanung aber auch individuelle Gegebenheiten der Sportlerinnen und Sportler Berücksichtigung finden. So sollten beispielsweise schulisch belastende Phasen von Nachwuchssportlerinnen und -sportlern in der Trainingsplanung Berücksichtigung finden. Während des Trainingsprozesses wird dann laufend auf aktuelle Entwicklungen wie Krankheiten, Verletzungen oder sonstige unvorhersehbare Ereignisse Rücksicht genommen, wobei der ursprüngliche Plan als „roter Faden“ immer wieder die Richtung vorgibt. Eine solide Planung ist also die Grundlage für eine erfolgsversprechende Improvisation.

——————————————————————————-

 Lukas Höllrigl, MSc

Auszug aus dem ÖSB-Verbandsmagazin 10,9

www.schuetzenbund.at

LIKE A PRO – Ein Kohlenhydrat kommt selten allein

Like A Pro

Ein Kohlenhydrat kommt selten allein – Ernährungstipps für den Ötztaler Radmarathon

Text: Jannis Braun, Fotos: Stefan Gapp/Anna Lang

Alle Ötztaler-Teilnehmer:innen werden trainiert haben. Und sie alle werden bis in die Haarspitzen motiviert sein, sich ihren Traum zu erfüllen. Doch werden sie sich in der Vorbereitung auch mit dem Thema Ernährung auseinander gesetzt haben? 

Christian spricht aus, was viele Rennradfahrer:innen kennen: „Diese ganzen Müsliriegel und Zeugs, ich kann‘s nicht mehr sehen“. Genau wie Anna ist Christian gerade in der Phase für sich herauszufinden, wie er das Vorhaben Ötztaler Radmarathon ernährungstechnisch unterstützen kann. Als Zuhörer könnte man meinen, Christian tut sich als Laie verständlicherweise einfach etwas schwer, wenn das komplexe Thema Ernährung – nun ja – auf den Tisch kommt. Er selbst drückt es mit seiner sympathischen Art, sich selbst nicht allzu ernst zu nehmen, etwas drastischer aus: „Ich bin da schon eine Flasche und relativ ideenlos in der Hinsicht. Wenn ich da zwei Pfannen stehen habe, aber keine vorgeschriebenen und abgewogenen Zutaten, bin ich völlig überfordert.“

Eine gewisse Basis ist aber da, denn Christian achtet darauf, „dass ich mich möglichst ausgewogen ernähre, aber ich verfolge da bisher kein ausgeklügeltes System. Ich kann das jetzt im Alltag nicht zur riesen Wissenschaft machen, da bin ich zeitlich und nervlich ja komplett am Ende“. Bevor das passiert, haben wir uns mit einer Expertin getroffen, die die Ernährung tatsächlich zur Wissenschaft gemacht hat und unseren beiden Schützlingen mit ihrer Expertise ein bisschen unter die Arme greift. 

Der „Ötztaler“ feiert dieses Jahr seinen 40. Geburtstag. Wenn es die Situation am 29. August 2021 zulässt, zählen auch die beiden Hobbyrennradfahrer Anna und Christian zu den Geburtstagsgästen. Gemeinsam mit dem Olympiazentrum Tirol begleiten wir das Duo. Vom ersten Medizinischen TÜV bis – so ist es ihr Traum – über die Ziellinie in Sölden.


Ein unterschätzter Faktor

Lisa Totschnig hat Ernährungswissenschaften und Sportwissenschaft studiert und seit zwei Jahren am Olympiazentrum Tirol tätig. Sie ist überzeugt, „dass man mit einer bewussten, zielorientierten Ernährung viel bei der Leistung rausholen kann.“ Oft ist der Einfluss der Ernährung auf die Leistungsfähigkeit noch unterschätzt.

Lisa betreut am Olympiazentrum rund 90 Athlet:innen aus verschiedenen Sportarten in allen Aspekten der Sporternährung. Zumeist klärt sie Fragen zu Sportnahrungsprodukten, werter Ernährungsprotokolle aus und arbeitet Wettkampfstrategien aus. „Ernährungstechnisch stellt dich der Ötztaler Radmarathon vor eine besondere Herausforderung. Es gibt wenige Sportwettbewerbe, wo du wirklich 10 Stunden unterwegs bist“, betont Lisa. Entsprechend braucht es dafür eine gut überlegte Ernährungsstrategie. Aber auch im Vorfeld des Wettkampfes kann man einiges tun, um am Tag X die bestmögliche Leistung abzurufen.

Mit aller Macht gegen den Hungerast

Bisher lief es rund im Anstieg zum Kulminationspunkt der Ausfahrt. Und ganz plötzlich scheint man zu stehen. Die Signale des schleichend eintretenden Leistungsabfall wurden ignoriert. Der Körper schreit auf. In Form einer streikenden Muskulatur. Oder mit anderen Mangelerscheinungen wie Schwindel, Übelkeit oder zitternden Händen. Nichts geht mehr. Dabei hat man doch eigentlich so gut trainiert. Aber offenbar nicht ganz so gut gegessen. Die Muskulatur schreit „Kohlenhydrate, bitte!“ und der ganze Körper antwortet „Hungerast!“. Viele Radfahrer haben dieses Stadium schon erlebt, das es für Anna und Christian während des Ötztalers unbedingt zu verhindern gilt.

„Kohlenhydrate sind das Benzin der Rennradfahrer. Wie ein Auto bleiben sie einfach stehen, wenn der Kohlenhydrate-Tank leer ist.“

Lisa Totschnig

„Während des Rennens haben Kohlenhydrate definitiv den höchsten Stellenwert der Makronährstoffe“, unterstreicht Lisa. Sie sind das Benzin der Radsportler:Innen, „genau wie ein Auto bleiben Rennradfahrer einfach stehen, wenn der Kohlenhydrate-Tank leer ist“. Schließlich kann ein Auto noch so viel PS haben, ohne Benzin bringt es diese nicht auf die Straße. „Bei moderatem Training ist ein leerer Kohlenhydrat-Tank kein riesiges Problem, der Körper greift auf Fettreserven zurück“, erklärt Lisa. Ist die Belastungsintensität wie beim Ötztaler Radmarathon allerdings enorm, ist die Energieversorgung über Fette keine Alternative. Der Vorgang der Energiegewinnung erfolgt zu langsam, „man fährt unweigerlich in einen Hungerast hinein“.

Ziel der ernährungstechnischen Wettkampfstrategie ist es deshalb, bereits mit möglichst vollem Kohlenhydrat-Speicher in den Wettkampf zu gehen und dessen Füllniveau während des ganzen Rennens konstant weit oben zu halten. 


Schaufeln, was der Löffel hält

Abhängig von Körpergröße, Geschlecht und Stoffwechsel liegt der Energieverbrauch beim Ötztaler schnell im hohen 5-stelligen Bereich. „Es ist unmöglich, diesen Energiebedarf allein während des Rennens zu decken“ stellt Lisa klar. Umso wichtiger ist es vor dem Rennen das Prinzip der Superkompensation anzuwenden, um mit vollen Glykogen-Speichern ins Rennen zu gehen.

Etwa eine Woche vor dem Ötztaler Radmarathon leeren kurze, harte Trainingseinheiten und eine gleichzeitig geringe Kohlenhydratzufuhr die Glykogenspeicher im Körper komplett aus. Drei, bis vier Tage vor dem Rennen sollten Trainingsumfang und -Intensität dann zurückgestuft werden. Nun beginnt das große Carb-Loading. Das Motto: „So viele Kohlenhydrate schaufeln wie es geht. Nudeln und Reis. Von früh bis spät.“ Die Glykogenspeicher sind dann über das normale Maß hinaus gefüllt.

Die Basis für das Rennen ist geschaffen. Die Gefahr, schnell den Tiefpunkt zu erreichen, wenn die Kohlenhydrat-Aufnahme während des Rennens einmal verpasst wird, verringert sich.

„Das Rennen selbst sorgt schon dafür, dass man nicht mit überschüssigen Energie-Reserven ins Ziel kommt. Das Ziel ist es deshalb, nie zum Tiefpunkt abzurutschen.“

Lisa Totschnig


Nicht die Zeit für Experimente

Während des Rennens heißt es dann, mit allen (Lebens-)Mitteln versuchen, den Tank so gut wie es geht zu füllen. „Dabei kann man sich an einer Zufuhr von 90 Gramm Kohlenhydrate pro Stunde orientieren“ empfiehlt Lisa. 

Vor meinen Augen tauchen schon die Labestationen auf der Strecke auf. Kuchen, Semmeln, Bananen, Suppen, Sportgetränke in Hülle und Fülle. Lisas Stimme unterbricht meine Essensträume. Sie mahnt, es wirklich mit allen Lebensmitteln zu probieren. Zu sensibel ist der Magen-Darm-Trakt bei einer Belastung auf Niveau des Ötztalers. Abwechslung ist aber dennoch willkommen bzw. bitter notwendig. Denn irgendwann kriegt man eben einfach keinen Riegel mehr runter. „Aber bitte nur mit Lebensmitteln, die man kennt und in der Kombination beim Training schonmal ausprobiert hat“, so Lisas eindringlicher Rat. 

Am Anfang des Rennens ist es wichtig, mit fester Nahrung eine Basis zu schaffen. Die ersten paar Stunden empfiehlt Lisa deshalb mit Riegeln, oder selbst zubereitetem Reiskuchen, Bananen- oder Dattelbrot zu starten, „dann kann mal die Banane kommen und dann erst mit Gels starten“. Gerade bei den Gels gilt es deren Verträglichkeit zu testen. „Wenn ich mich 10 Stunden nur von Gels ernähre, ist es ganz natürlich, dass der Magen dann sagt, ‘halt, stop! Mag ich nicht!‘.

Natürlich haben die Labestationen dennoch ihre volle Berechtigung. Nicht alle Teilnehmer:innen können auf den Luxus zurückgreifen, ein Team an der Strecke zu haben, das einen immer wieder mit Nachschub an Riegeln & co versorgt. In dem Fall ist man auf die Lebensmittel angewiesen, die der Veranstalter zur Verfügung stellt.

„Wenn man mitten im Rennen anfängt mit neuen Sportnahrungsprodukten zu experimentieren, finde ich krasser, als wenn jemand mit einem neuen Rad startet.“

Lisa Totschnig

Lisa rät, sich einige Zeit vor dem Rennen unbedingt darüber zu informieren, was für Sportnahrungsprodukte an den Labestationen ausgegeben werden und diese im Trainingsalltag zu testen, um Ernährungsgewohnheiten zu entwickeln. „Sporternährungsprodukte setzen sich alle aus unterschiedlichen Inhaltsstoffen und Nährwerten zusammen. Genau wie unser ganzer Körper während des Ötztalers an seine Grenzen kommt, erreicht auch speziell unser Magen-Darm-System sein Limit und reagiert in diesem Zustand bei vielen Personen empfindlich auf ungewohnte Nahrung. 

Lisa zieht gerne den Vergleich zu der Situation, die vielen widerfährt, die ihren Urlaub in einem Land mit fremder Küche verbringen. Und die ersten Tage erstmal mit Magen-Darm-Problemen verbringen. Natürlich betreffen solche Probleme nicht jeden, aber um ihren Punkt nochmal zu verdeutlichen, macht sie darauf aufmerksam, dass man in einem Wettkampf ja auch nicht auf einmal ein neues Rad, neue Laufschuhe, oder eine neue Sattelhöhe ausprobiert. Ein beleidigtes Magen-Darm-System gefährdet die ganze Leistungsfähigkeit von Körper und Kopf, ist also entscheidend für den Erfolg des Rennens.

Um die anvisierte Zufuhr von 90 Gramm pro Stunde zu halten, sind speziell entwickelte Sportgetränke hilfreich. Diese gibt es in extrem hochdosierten Variationen und erfüllen drei Notwendigkeiten in einem Lieferanten: Kohlenhydrate, Elektrolyte und Flüssigkeit. Obendrauf nimmt das Pulver, mit dem man sich das energetische Flüssig-Benzin unterwegs zusammenbrauen kann, wenig Stauraum ein.

Ob flüssig, oder fest, letztendlich hat Lisa in der Praxis festgestellt, dass man am Wettkampftag gar nicht genug Kohlenhydrate zuführen kann: „Das Schlimmste was passiert, ist, dass man es am Abend wieder ausscheidet“. Und das ist ja nun wirklich nicht so schlimm, wie mitten im Timmelsjoch-Anstieg zu stehen, ob als Radfahrer ohne Energie, oder in einem Auto ohne Benzin. 


Die letzten Stunden vor dem Ötztaler

Die Ötzaler-Anwärter:innen treten die Jagd nach ihrem Traum an, während der Großteil der Menschen noch in ganz anderen Träumen verweilt. Die frühe Startzeit bringt einige Ernährungsfragen mit sich. Sollte ich direkt vor dem Rennen noch Frühstücken? Wenn ja, was? Sollte ich am Vorabend noch spät mit aller Macht die letzten Speicherkapazitäten füllen?

Man sollte auf jeden Fall in der Früh vor dem Start noch etwas Festes zu sich nehmen. „Ein 10-Stunden-Rennen ohne Frühstück anzugehen, ist für die Energie-Bilanz nicht förderlich“. Es muss nicht das Weizensemmel sein. Ein Porridge oder ein Bananen-Haferflocken-Topfen-Shake sind gute Alternativen. Von schwer Verdaulichem wie ein Vollkornbrot mit Käse und Schinken würde Lisa abraten. Der zeitliche Abstand zum Rennen ist ebenfalls zu berücksichtigen, sodass im Bestfall noch ein Toilettengang möglich ist, bevor man den langen Ritt über Kühtai, Brenner, Jaufenpass und Timmelsjoch in Angriff nimmt. Leistet der Magen-Darm-Trakt zu Beginn des Rennens Schwerstarbeit bei der Verdauung, fließt das Blut in den Verdauungstrakt und fehlt so in der Muskulatur. Um 22 Uhr noch so viel wie möglich essen und eine Stunde später ins Bett gehen, ist laut Lisa keine empfehlenswerte Taktik. Die Schlafqualität nimmt mit vollem Magen ab, „wenn man um 22 Uhr ins Bett geht, sollte man spätestens um 19 Uhr die letzte Mahlzeit zu sich nehmen. Ansonsten kommt der Körper schwer in tiefe Schlafphasen.“

Es kann auch helfen, den Essensrhythmus in den Tagen vor dem Ötztaler, schon einmal entsprechend anzupassen.


Koffein als legales Doping

Ob Kohlenhydrate enthalten sind oder nicht, eine ausreichende Flüssigkeitsaufnahme ist beim Ötztaler ebenfalls essentiell für ein erfolgreiches Rennen. Abhängig von individuellem Flüssigkeitsbedarf und vor allem der Lufttemperatur, ist es schwer, eine allgemeine Kennzahl zu definieren. Als Richtwert können 500-750ml pro Stunde herangezogen werden. Bei heißen Temperaturen steigt dieser Mindestbedarf drastisch an. Während bei kalten Temperaturen der natürliche Drang nach Flüssigkeit geringer ist, muss man sich aber auch dort in Zweifel mit Hilfe von Tricks wie warmen Getränken in Thermosportflaschen disziplinieren und ausreichend Flüssigkeit zu sich nehmen.

Wird der Körper nicht mit genug Flüssigkeit versorgt, kann er nicht ordentlich funktionieren. Beanspruchen wir unsere Muskulatur, entsteht im Körper Wärme. Schwitzen resultiert darin, dass der Körper gekühlt wird, aber auch darin, dass große Mengen Flüssigkeit und damit auch wichtige Spurenelemente und Elektrolyte wie Magnesium oder Natrium den Körper verlassen. Werden diese Verluste nicht kompensiert, gerät der Organismus in Gefahr zu dehydrieren: Die Körpertemperatur und Herzfrequenz steigen. Von Konzentrationsmängeln, Krämpfen und Schwindelanfällen bis zum kompletten Kreislaufkollaps können die Folgen für den Ausgang eines Wettbewerbs schwerwiegend sein.

Wie bei der Nahrungsaufnahme kann auch hier im Vorfeld Abhilfe geleistet werden, indem Teilnehmer:innen am Vortag viel trinken. Es reicht nicht, sich kurz vor Beginn des Rennens literweise Wasser runterzuschütten. So viel Wasser kann der Körper in kurzer Zeit nicht aufnehmen. Zwangsweise wird der erste Zwischenstopp am Straßenrand nicht lange auf sich warten lassen.

Koffein hat, überlegt eingesetzt, einen (legalen) leistungsfördernden Effekt, den man sich zu Nutzen machen kann. Da Koffein aber auch einen Gewöhnungseffekt hat, profitiert am Wettkampftag spürbar nur, wer vorher mindestens drei Tage, besser noch eine ganze Woche auf Koffein verzichtet. „Aber erzähl einem Rennradfahrer mal, dass er eine Woche kein Kaffee trinken soll“, fügt Lisa lachend hinzu. Wer während des Rennens auf Koffein setzt, sollte eine regelmäßige Zufuhr anstreben, sonst erlebt man sich für eine Weile zwar am Gipfel der Koffein-Gefühle, anschließend leider aber in einem kontraproduktiven Müdigkeitstief.


Spotlight auf die Proteine

Kohlenhydrate mögen zwar die prominenteste Rolle im Ausdauersport einnehmen, sind aber auf keinen Fall Alleinunterhalter im Schauspiel der Makronährstoffe, stellt Lisa klar. Auch die Proteine haben sich ihren Auftritt im Spotlight verdient. 

Wurde der Körper einer starken Belastung ausgesetzt, bemüht er sich darum, in Mitleidenschaft gezogene Strukturen zu reparieren und Energiespeicher wieder aufzufüllen. Gezielt gelegte Ernährungsmaßnahmen unterstützen den Regenerationsprozess.

„Entscheidend ist dabei, den richtigen Zeitpunkt – das sogenannte „open window“ – nicht zu verpassen“, erläutert Lisa. Dieses öffnet sich direkt nach dem Training und lässt am liebsten eine Kombination aus Proteinen und Kohlenhydraten herein. Proteine unterstützen vor allem die Regeneration der Muskulatur. Die Kohlenhydrate füllen die Glykogendepots des Körpers für neue Energieleistungen wieder auf. Verpassen Sportler das open window, bedient der Körper sich an körpereigenen Strukturen. Dies gilt es zu verhindern. Auch wenn es das Ziel ist, abzunehmen, sollten direkt nach dem Sport Nährstoffe zugeführt werden, um den Verlust von Muskulatur zu verhindern. Für die Gewichtsabnahme ist die Bilanz von Energieaufnahme und -Verbrauch über einen ganzen Tag entscheidend, nicht der schädliche Verzicht nach einer temporären Belastung. Möchten Finisher nach dem Ötztaler nicht tagelang mit dem Muskelkater des Lebens auf der Couch liegen, können sie schon unmittelbar nach dem Rennen beginnen, bewusst Proteine einzunehmen und so die anschließende Regeneration einleiten.


Rezepte für das Ernährungspuzzle

Ohne sich mit dem Thema Ernährung zu beschäftigen, kann der Traum vom erfolgreich absolvierten Ötztaler Radmarathon schnell platzen. Was und wieviel wir essen und trinken, hat Einfluss auf den Trainingsfortschritt in der Vorbereitung, auf den Regenerationsprozess, mögliche Verletzungen und letztendlich die Leistungsfähigkeit während des Wettbewerbs. Kleinigkeiten in der Ernährung können während des Rennens darüber entscheiden, ob man über sich hinauswächst oder der Ötztaler zur Qual wird. „Jeder Teilnehmer hat hart trainiert, aber hat sich auch jeder gewinnbringend ernährt?“ fragt Lisa am Ende des Gesprächs in den Raum.

„Ich werde in den nächsten Tagen auf jeden Fall weiter fleißig daran tüfteln, was mir auf dem Rad am besten tut und schmeckt,“ beschließt Anna in voller Ernährungs-Euphorie. Seid ihr dabei?

Wer sich so ausführlich mit der Ernährung beschäftigt und bis hier gelesen hat, hat sich mindestens ein paar Rezepttipps von Lisa verdient: https://sport.tirol/de/serien/oetztaler-radmarathon/like-a-pro-4.html


Text: Jannis Braun, Fotos: Stefan Gapp/Anna Lang

LIKE A PRO – Der medizinische TÜV

Like A Pro

Der medizinische TÜV – von der Sporttauglichkeit bis zum Schwellenwert.

Text: Jannis Braun, Fotos: Stefan Gapp

Es ist nicht der in die Jahre gekommene Wagen, der am Institut für Sport-, Alpinmedizin und Gesundheitstourismus (ISAG) auf den Prüfstand gestellt wird. Mit der Hoffnung, dass er verkehrstüchtig ist und man ihn ein weiteres Jahr den Zirler Berg hochquälen darf. Es ist der eigene Körper, der dort auf Herz und Nieren geprüft wird. In der Hoffnung, dass er aus medizinischer Sicht sporttauglich ist und Anna und Christian sich bedenkenlos ein ganzes Jahr quälen dürfen – für ihren Traum vom Ötztaler. 

Ich liebe meinen Renault Twingo. Baujahr 2009. 52 Kilowatt geballte Leistung. An diesem Tag schlägt seine Stunde der Wahrheit. Der jährliche Termin beim TÜV steht an. Es könnte knapp werden. Vieles steht auf dem Spiel. Ich male mir aus was passiert, wenn meiner nicht mehr ganz makellosen Schönheit auf vier Rädern die Verkehrstauglichkeit abgesprochen wird. Ein neuer Wagen bedeutet der Verlust unzähliger Erinnerungen. Und noch mehr Euros. Nie wieder bei strahlendem Sonnenschein die Nebelscheinwerfer einschalten, damit der Wagen wenigstens ein bisschen Coolness ausstrahlt. Nie wieder SUVs auf dem Weg von Innsbruck nach Seefeld ausbremsen. Horror-Szenario. Eine Welt würde zusammenbrechen.

Okay, ich gebe zu, bei Anna und Christian steht heute noch etwas mehr auf dem Spiel. Der Zufall wollte es so, dass zeitgleich auch ihre Stunde der Wahrheit schlägt. Der „Sportmedizinische TÜV“ am ISAG steht auf dem Plan. 

Der „Ötztaler“ feiert dieses Jahr seinen 40. Geburtstag. Wenn es die Situation am 29. August 2021 zulässt, zählen auch die beiden Hobbyrennradfahrer Anna und Christian zu den Geburtstagsgästen. Gemeinsam mit dem Olympiazentrum Tirol begleiten wir das Duo. Vom ersten Medizinischen TÜV bis – so ist es ihr Traum – über die Ziellinie in Sölden.

Ich denke an das bevorstehende TÜV-Ergebnis des Twingos und kann gut nachvollziehen, dass Anna vor dem Besuch im Testlabor in Natters „voll den Bammel hat“. Für sie ist es der erste sportmedizinische Test. „Da hauts mir sicher voll die Pumpen auffi und ich werde da voll krepieren“, ist sie überzeugt. Sarkastische „viel Spaß“-Nachrichten und Warnungen ihrer Freunde vor der Spiroergometrie, das angeblich „soo grausige“ Herzstück des Tests, zeigen Wirkung. Fragen tauchen in Annas Kopf auf. Fragen, an die Leistungssportler ohne konkreten Anlass keine Gedanken verschwenden. Was würde passieren, wenn das Ärzteteam medizinische Auffälligkeiten ans Licht bringt, die im (Sport-)Alltag bisher verborgen blieben? Bekomme ich das Okay für den Ötztaler oder ist an diesem Punkt bereits Schluss? Mit dem Projekt. Generell mit dem Leistungssport.

 

Eine Investition in die Gesundheit

Trotz allem was auf der Verlustseite steht, sehe ich meine Pflicht ein, den TÜV-Termin für den Twingo wahrzunehmen. Sollten zentrale Funktionen versagen, wird dieses so harmlos dreinblickende Auto zu einer Bedrohung. Für mich, aber auch für andere Verkehrsteilnehmer. Achterbahnen, Aufzuganlagen, Autos: Der TÜV prüft alles auf Fehlfunktionen, die in Stillstand schwer zu erkennen sind. Der TÜV bringt Sicherheit, so das Versprechen. Verstanden, der TÜV will mir nicht nur mein geliebtes Auto nehmen und damit auch noch Geld verdienen. 

Univ. Prof. Dr. Wolfgang Schobersberger, Leiter des ISAG, bezeichnet das Testangebot am Institut gerne als „sportmedizinisches TÜV“. Der Kosename birgt eine Message: Wir geben dir mit unserer Sporttauglichkeitsprüfung Sicherheit und nehmen dir nicht irgendwas weg. Zwischen den Zeilen merke ich, dass Wolfgang Schobersberger um das Image der sportmedizinischen Tests kämpft. Sich für eine verantwortungsvolle Einstellung der Sportler gegenüber ihrer Körper und der Sportverbände gegenüber der Gesundheit ihrer Schützlinge einsetzt. Und sich wünscht, dass der Test als Chance und Wohl, nicht als Bedrohung oder Übel wahrgenommen wird.

Auch für die Athleten der großen Österreichischen Verbände, die das Team des ISAG regelmäßig untersucht, steht viel auf dem Spiel. Es geht um die Erlaubnis ihrer Berufsausübung als Profisportler und damit um Sponsoringverträge und viel Geld. „Wir haben hier eine sehr schwierige, verantwortungsvolle Aufgabe. Mit ein paar Ausnahmen sind alle Athleten gesund und wir müssen die Stecknadel im Heuhaufen suchen“. Es geht darum, den Athleten zu schützen „der etwas hat, was keiner weiß, oder der etwas weiß, es aber keinem sagt“. Aus Sorge um seine berufliche Zukunft als Spitzensportler. Es sei wie bei scheinbar makellosen, hochtourigen Neuwagen, die fast immer halten, was sie von außen versprechen. Leider gibt es auch unter Spitzensportlern Einzelfälle, bei denen ein Defekt des Motors bzw. Herzkreislauf- oder Stoffwechselsystems erst unter voller Belastung zu Vorschein tritt. „Manchmal sind wir dann in der Rolle der bösen Buben oder Mädels. Aber die meisten danken uns, wenn wir etwas gefunden haben, was auch fatal hätte ausgehen können.“ 

Am Ende des sportmedizinischen Tests stehen zwei mögliche Ergebnisse. Überwiegend wird die Sporttauglichkeit attestiert. Tritt ein auffälliger Befund auf, werden Sportler zu Experten geschickt, um eine zweite Meinung über die vermeintliche Sportuntauglichkeit einzuholen. Sporttauglich bedeutet am ISAG, ob Athleten ihren Sport aus medizinischer Sicht ohne Bedenken ausüben können. Es gilt zu differenzieren: Während eine angeborene Herz-Rhythmusstörung für einen Ausdauersportler lebensgefährlich sein kann, kann ein Profi-Billardspieler weiterhin seinen Beruf ausüben. Die Entscheidung, ob ein Sportler von der Leistung her für eine bestimmte Sportart tauglich ist, fällt in den Kompetenzbereich der Trainer und Verbände. 

Ob Spitzen- oder Hobbysportler, der medizinische TÜV am ISAG läuft stets nach demselben Schema ab. In beiden Fällen wird geschaut, ob es internistische Auffälligkeiten gibt, wenn Probanden an ihre Leistungsgrenze gehen. Schobersberger bemängelt, dass gerade ambitionierte Hobbysportler das Angebot der sportmedizinischen Tests nicht ausreichend annehmen. Oftmals herrscht die Devise vor, „solange ich kein Problem habe, brauche ich keinen Arzt“. Die Bereitschaft, hohe Summen für Material auszugeben, übersteigt die Bereitwilligkeit, in die Bestätigung der eigenen Gesundheit zu investieren. In Schobersbergers Augen eine fragwürdige Priorisierung, die in dieser Ausprägung auch im Radrennsport Gang und Gebe sei.

Mit Nachdruck empfiehlt er jedem Ötztaler-Radmarathon-Aspiranten, vor Beginn der Vorbereitung einen Gesundheitscheck durchzuführen. Als Gegenleistung bekommen Sportler ihren aktuellen Leistungsstand abgebildet, eine Trainingsberatung sowie vor allem die wohltuende Rückversicherung, dass aus internistischer und orthopädischer Sicht nichts gegen die Aufnahme eines intensiven Trainings spricht. Das Preis-Leistungs-Verhältnis (siehe Infobox) verdeutlicht, dass es dem ISAG dabei nicht um finanzielle Einnahmen geht, von denen sie als Institution des Landes ohnehin unabhängig sind.

 

In vier Stufen zur Sporttauglichkeit

Abgastest, Funktion des Fahrzeugkatalysators, Luftfilterwechsel beim Twingo, check!

Das Kurbeln des Ergometers, mechanische Pieptöne, die Lieblingsmusik unserer beiden Athleten und Anfeuerungsrufe füllen den Laborraum im ISAG. Das Herzstück des sportmedizinischen TÜVs, die Spiroergometrie ist wortwörtlich in vollem Gange. Christian sitzt schweißgebadet auf dem Ergometer. Von seinem Körper verlaufen Schläuche in verschiedene Messgeräte, die u.a. ein Belastungs-EKG, Blutdruckwerte und Atmungskurven auf mehrere Bildschirme zaubern. Alle 90 Sekunden erhöht sich der Widerstand, gegen den er antritt um 30 Watt. Im selben Abstand entnimmt eine Nadel Blutproben, um Christians Laktatkonzentration im Blut zu ermitteln. Mit jeder Belastungsstufe werden Parameter wie die Sauerstoffaufnahme und die CO2- Produktion generiert, und damit die Belastbarkeit seiner Lunge und seines Herzkreislaufsystems geprüft. Auffälligkeiten können u.a. auf Lungenfehlfunktionen, asthmatische Erkrankungen, Stoffwechselprobleme oder Herz-Rhythmusstörungen hinweisen. 

Irgendwann helfen dann auch die „geht schon, geht schon“-Rufe von Anna nichts mehr. Die Kurbel hört auf sich zu drehen, die Beinmuskulatur wird nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt, Christian hat die maximale Leistungsgrenze erreicht. Und lehnt mit letzter Kraft dankend eine zweite Runde ab. Das große Finale ist geschafft. 

Airbag-Funktion beim Twingo, check!

Eine Stunde vorher herrscht noch Ruhe im Raum. Christian sitzt entspannt auf einem Hocker. Eine Klammer verschließt seine nasalen Atemwege und ein Messgerät liegt wie eine übergroße Zigarette in seinem Mund. Da sind wir auch schon beim Thema. Die Spirometrie untersucht die Lungenfunktionen im Ruhezustand des Körpers, die Vorstufe der Spiroergometrie sozusagen. „Hol so tief Luft wie es geht und knall sie bis zum Ende aussi“ weist der Diagnostiker Herbert Sailer Christian an. Der daraufhin so viel und lange, wie seine Lunge hergibt, Luft in das Lungenvolumenmessgerät befördert. „Ich bin der beste auf meinem Niveau“ kommentiert Christian das Ergebnis mit einem Augenzwinkern. „Die Doktorin wird schon zufrieden sein“ erwidert Herbert nüchtern. Das ist sie. Die Menge der ein- und ausgeatmeten Luft, sowie die Fließgeschwindigkeit der Luft bewegen sich bei Christian in regulären Bahnen. Keine Lungenfunktionsprobleme oder asthmatische Atemwegserkrankungen bei unseren beiden Athleten im Ruhezustand.

Motorfunktionen, Einspritzpumpe, Elektronik beim Twingo, check! 

Weiter geht’s im Programm. Gleichmäßige Herzspannungskurven zeichnet der Elektrokardiograf auf den Display. Christians Herz schlägt beständig. „Es gibt gutartige Rhythmusstörungen und fast bei jedem Menschen stolpert das Herz im Schlaf oder untertags einmal“, erklärt Schobersberger. Es gibt aber eben auch einen ganzen Katalog an gefährlichen Rhythmusstörungen, die im schlimmsten Fall dazu führen, dass das Herz eines Athleten unter hoher Belastung keine Leistung mehr erbringt. Bei Anna und Christian sind keine Anhaltspunkte für Herz-Rhythmus-Störungen zu erkennen, die bei Belastung gefährlich werden könnten. Ihre Motoren laufen einwandfrei.   

Druck und Siedepunkt der Bremsflüssigkeit beim Twingo, check!

Gelassen liegt Anna auf der Behandlungsbank. „Geht’s dir auch gut? Wird dir nicht schwindelig beim Aufstehen?“ fragt Herbert etwas überspitzt aufgrund ihres niedrigeren Blutdrucks etwas überspitzt. Schlägt das Blutdruck-Messgerät extrem in eine Richtung aus, gibt es ernsthaften Anlass zur Sorge. Ein überproportionaler Anstieg oder Abfall des Blutdrucks im Verhältnis zur Belastung wäre eine Gefährdung des Herz-Kreislauf-Systems und somit auch ein Befund, der zur Sportuntauglichkeit führt. Kein Grund zur Sorge. Die anfänglichen Bedenken und Aufgeregtheit haben sich bei Anna schon lange in Neugier und Interesse an den Funktionen des eigenen Körpers gewandelt. Sie ist einfach nur tiefenentspannt.

Jetzt ist aber auch bei Anna Schluss mit Ruhe und der Belastungsmodus wird eingeschaltet. Alle Parameter werden bei ihr jetzt gemessen, um belastungsspezifische Fehlfunktionen auszuschließen. 

 

Das Spiel mit den Schwellenwerten

Darüber hinaus werden bei der „Spiro“ sportwissenschaftliche Daten generiert, die Annas und Christians aktuelle Leistungsfähigkeit aufzeigen. Lukas Höllrigl, Leistungsdiagnostiker am Olympiazentrum Tirol und Annas und Christians Trainer während des Projekts, fischt vor allem Laktatwerte und Atemparameter aus der Datenflut. Diese geben ihm Aufschluss über Stoffwechselvorgänge im Körper, bei unterschiedlichen Belastungsstufen. „Laktat bildet sich im Muskel, sobald der Sauerstoffbedarf zur Energiegewinnung die Sauerstoffaufnahme überschreitet“ erklärt Lukas. Der Körper schaltet an dieser Schwelle in den anaeroben (sauerstofflosen) Bereich um, gewinnt von da an Energie aus dem Prozess, in dem Zucker in Milchsäure und das Abfallprodukt Laktat (Salz der Milchsäure) umgewandelt wird. Irgendwann wird mehr Laktat produziert als der Körper abbauen kann und der Muskel übersäuert aufgrund der hohen Konzentration an Milchsäure. Die maximale Leistungsgrenze ist erreicht und kann nur für einen kurzen Augenblick gehalten werden, bevor der Muskel komplett ermüdet. 

Mittels der Daten aus dem sportmedizinischen Test kann Lukas also die anaerobe Schwelle von Anna und Christian ermitteln. Je nach Trainingszustand erreichen sie diese bei unterschiedlicher Herzfrequenz bzw. sportlicher Leistung (in Watt). Je weiter diese Schwelle und Werte durch gezieltes Training steigen, umso länger können Anna und Christian beim Ötztaler Radmarathon eine höhere Leistung treten.

Außerdem ermittelt Lukas aus den Messdaten vergleichbare Parameter wie die maximale Leistung pro Kilogramm Körpergewicht in Watt oder den VO2-Max Wert: Die Menge an Sauerstoff in Milliliter, die der Körper pro Minute und Kilogramm Körpergewicht bei maximaler Leistung „verstoffwechseln“ kann. Definierte Laktatleistungsschwellen (meistens aerob, anaerob, maximal) ermöglichen es ihm zudem, die Intensität von Trainingseinheiten zu beschreiben und Fixpunkte festzulegen: „Beziffern wir zum Beispiel die anaerobe Schwelle mit 100 % kann ich Anna und Christian dann sagen, sie sollen heute eine Intervalleinheit im Bereich von 105 %  ihrer anaeroben Schwelle oder ein Grundlagenausdauer-Training im Bereich von 60 % der Schwelle durchziehen, orientiert an ihrer Herzfrequenz oder Wattanzahl.“ Auf diese Weise kann Lukas Trainingsintensitäten individuell auf die beiden Athleten relativieren und Trainingspläne entsprechend ihrer starken und schwachen Trainingsbereiche (z.B. Grundlagenausdauer, Maximalleistung) zusammenstellen. 

Christian begeistert die Möglichkeit, seine Leistungsfähigkeit basierend auf sportwissenschaftlichen Parametern zu erfassen und mit gezieltem Training an das Optimum zu bringen: „Mein Fitnesszustand beruht jetzt nicht mehr nur auf ein Gefühl, sondern auf Zahlen. Und es ist super cool, dass wir mit Hölli da jemanden haben, der uns verständlich erklären kann, warum und wofür wir das alles machen“. Um noch hinterher zu schieben, „dann muss ich die ganzen Daten nicht komplett verstehen, ich bin ja kein Wissenschaftler!“. Das kann ich nachvollziehen. Ich bin ja auch kein KFZ-Mechaniker und verstehe nicht bis ins letzte Detail, was der Siedepunkt der Bremsflüssigkeit mit der Bremswirkung zu tun hat. Dafür gibt es ja Mechaniker, die aus meinem Twingo das Optimum an Bremsleistung herausholen. 


Am Ende bleibt ein gutes Gefühl

Am Ende der „Spiro“ strahlt Anna über das ganze Gesicht. Obwohl auch sie gerade Unmengen an Sauerstoff verstoffwechselt hat und den hohen Laktatwert in ihrer Beinmuskulatur spürt: „So dramatisch war’s jetzt gar nicht. Irgendwann wollen deine Haxn einfach nicht mehr und das wars dann. Aber: Überstanden!“

Kurz darauf bekommen Anna und Christian im Nachgespräch mit der Fachärztin für innere Medizin, Lydia Pesserer, ihr medizinisches Pickerl aufgeklebt. Der gewünschte Abschluss eines erkenntnisreichen Tages. Es sei schon ein lässiges Gefühl, „wenn die Ärztin einem dann sagt, dass man gesundheitlich fit und uneingeschränkt leistungssporttauglich ist“. Anna weiß nun, dass sie sich „mit gutem Gewissen und ohne Bedenken ein hartes Training eini hauen kann und ich meinem Körper dabei nichts Schlechtes tue“. Auch das kann ich verstehen. Mit der Nachricht, dass mein Twingo mit leichten Mängeln die Verkehrstauglichkeit bestätigt bekommen hat, löst sich eine gewisse Anspannung. 

Am nächsten Tag sitzen Anna, Christian und ich in meinem frisch geprüften Auto. Alle mit einem guten Gefühl. Der Twingo kämpft sich auf dem Weg zum Loipeneinstieg in Seefeld tapfer den Zirler Berg hoch. Die Drehzahl ist am Anschlag, der Motor schreit, kein Problem. Auf der Loipe pumpen unsere Herzen und unsere Lungen schnappen nach Luft, kein Problem. Sorry liebe SUV-Fahrer. Sorry liebes Teilnehmerfeld. Ötztaler wir kommen! Unaufhaltsam. Hoffentlich.

Text: Jannis Braun, Fotos: Stefan Gapp

„There is always something to learn.“

Bettina Wildauer

Seit 2019 ist Bettina, bekannt als Betty, nun fester Bestandteil im Olympiazentrum (OZ). Als einzige weibliche Trainerin des OZ-Teams betreut sie zwei Tennisspielerinnen und einen Golfer. Den Spaß am Trainerjob hat sie bis heute nicht verloren und bereits vor ihrem Arbeitsleben im OZ als Co-Trainerin in der Leichtathletik unter Beweis gestellt. Ihre weiteren Kernaufgaben sind sowohl die Leistungsdiagnostik als auch die Betreuung der PraktikantInnen. Auch wenn sie sich gerne mal unter ihrem Wert verkauft, ist es beachtlich, dass sie neben ihrer Arbeit im OZ, aufbauend auf ihrem Bachelorstudium, nun noch ein Vollzeit Masterstudium am Institut der Sportwissenschaft absolviert.

Neben aller Disziplin und Ernsthaftigkeit im täglichen Arbeitsablauf, darf der Humor bei ihr nie fehlen. So ist die Zillertaler-Frohnatur im OZ stets lustig, lebensfroh und lachend anzutreffend und trägt damit auch ihren Teil zu dem sehr guten Arbeitsklima im OZ bei.

“On your best days you learn confidence. On your worst days you learn persistence. There is always something to learn.”

Bettina Wildauer

Hinsichtlich des Freizeitsports ist es allerdings sehr schwer für sie zwischen den Bergen und dem Meer zu entscheiden. Aber eine Sache darf an beiden Orten nie fehlen und das ist ein Board. Mit Boards kennt sich Betty nämlich aus! Denn als begeisterte Surferin lässt sie das ein oder andere Mal auch gerne „ihr“ Tal außen vor und sucht dafür die perfekte Welle in der weiten Welt.

Die Leidenschaft für den Sport ist schon von klein auf bei ihr verankert. Als Österreichische Meisterin in zwei sehr unterschiedlichen Sportarten, in der Leichtathletik (Mehrkampf) sowie im Snowboard Slopestyle, berichtet sie uns nun im Anschluss von ihren Erfahrungen, nachdem sie die Seite von einer aktiven Leistungssportlerin zur Trainerin gewechselt hat.  

————————————————————————————————————————————————————————-

WORDRAP „DA SCHAU HER“

Wie ist es als einzige Trainerin im Trainerteam des Olympiazentrum Tirols?

Ich bin wirklich happy, dass ich neben meiner Tätigkeit in der Leistungsdiagnostik nun auch AthletInnen als Trainerin betreue. Unser Trainerteam im OZ besteht aus sehr erfahrenen TrainerInnen und die Stimmung im gesamten Team ist echt super! Ich hole mir immer wieder gerne Tipps und Ratschläge von meinen Kollegen ein – man lernt nie aus und ich lasse mich gerne von der Arbeit meiner Kollegen inspirieren.

Worin unterscheidet sich die Rolle der Trainerin zur Rolle des Trainers?

Meiner Meinung nach unterscheidet sich die Rolle grundsätzlich nicht. Generell würde ich jedoch sagen, dass die Trainerbranche teilweise noch eher „männerdominiert“ ist und Frauen sich in diesem Feld erst noch weiter etablieren müssen, um Ansehen zu erlangen. 

Welche Vorteile hat es für AthletInnen eine Trainerin anstatt eines Trainers zu haben?

Ich denke nicht, dass man allgemein von Vor- oder Nachteilen für AthletInnen sprechen kann. Es ist sicher in Bezug auf die Erfahrungen und Vorlieben der AthletInnen und der jeweiligen Sportarten sehr individuell zu betrachten.

Welche Philosophie verfolgst du bei der Arbeit mit deinen AthletInnen?

Ich bin sicher nicht die überstrenge Trainerin aber ich glaube, sich auf dem Grat zu bewegen zwischen wirklich streng sein, Disziplin und trotzdem Spaß zu haben, ist die Kunst und zugleich größte Herausforderung für mich als Trainerin.  

————————————————————————————————————————————————————————-

Um sich auf jeden Athleten und jede Athletin individuell einstellen zu können und deren jeweilige körperliche Verfassung im Blick zu haben, wird hier im Olympiazentrum das Programm „Athlete Monitoring“ zur Unterstützung genutzt. Den AthletInnen wird über dieses Portal ermöglicht, dass sie einen Selbstbericht bzgl. Wohlbefindens, Trainings-, Fitnesszustands, Verletzungen, Zyklustracker, und vieles mehr in der App abgeben können. Diese Daten und das individuelle Hintergrundwissen über die jeweiligen AthletInnen, sind eine große Hilfe für die TrainerInnen, um das Training optimal zu steuern, Risiken zu erkennen, die Regeneration zu optimieren und die Leistung zu maximieren.

————————————————————————————————————————————————————————-

Was sind für dich Herausforderungen als Trainerin?

Individuell für jede Athletin bzw. für jeden Athleten die Herangehensweise zu finden, wie man mit ihm arbeiten und umgehen muss bzw. kann. 

Was würdest du gerne angehenden SportwissenschaftlerInnen bzw. TrainerInnen mit auf den Weg geben?

Den Mut zu haben Neues auszuprobieren und sich nicht einschüchtern zu lassen, wenn Dinge nicht auf Anhieb funktionieren. Allgemein braucht man viel Mut, weil man bei einigen Sachen sicher auf sich allein gestellt ist und zusätzlich auch, um sich in dieser Branche durchsetzen zu können. 

————————————————————————————————————————————————————————-

AutorInnen des heutigen Blogposts → Anna Bürck, Praktikantin, 21 Jahre, aus Baden-Württemberg & Anna Vogl, Praktikantin, 21 Jahre, aus Bayern – studieren beide an der Technischen Universität München im Bachelor Sportwissenschaft.

Patrick Gamper in der World-Tour

Patrick Gamper, langjährig akkreditierter Athlet im Olympiazentrum Tirol, wechselte zu BORA – hansgrohe

Im Herbst 2012 wurde der 23-Jährige Tiroler Radrennfahrer Patrick Gamper am Olympiazentrum Tirol akkreditiert. In den letzten Jahren wechselte er ein paar Mal sein Radteam: seit 2016 fuhr im Tirol KTM Cycling Team, 2018 stand er beim spanischen Team Polartec-Kometa unter Vertrag, Anfang 2020 dann der Wechsel zum deutschen professionellen Radsportteam BORA – hansgrohe. Die trainingswissenschaftliche Betreuung am Olympiazentrum blieb dabei über die Jahre hinweg eine beständige und hilfreiche Unterstützung. Sein neuester Wechsel ins Team der BORA – hansgrohe bedeutet für Patrick Gamper erstmalig den Wechsel in die WorldTour!

Die Verpflichtung bei BORA– hansgrohe war für Patrick eine wunderschöne Überraschung, wenngleich der Karrieresprung zu den Profis mit Blick auf Patrick Gampers Erfolge 2019 (Sieger beim Grand Prix del Marmo in Italien, Sieger bei einer Etappe des Giro del Friuli, Staatsmeister im Zeitfahren der U23…) nicht gänzlich unerwartet kam. Dass er allerdings gleich seinen ersten Profi-Vertrag direkt bei seinem absoluten Wunschteam unterzeichnen können würde, hat er nicht zu träumen gewagt. Mit dem Wechsel zu einem der besten Teams der Welt hat Patrick einen Meilenstein in seiner noch jungen Karriere gelegt und eines seiner größten Ziele erreicht.

Patrick Gamper ist der vierte tiroler und fünfte österreichische Fahrer der im Team BORA – hansgrohe unter Vertrag steht. Insbesondere seine guten Qualitäten als Roller im flachen Gelände zeichnen Patrick aus. Diese Stärke kann er durch die Erfahrungen in der WorldTour künftig weiter ausbauen und nutzen um den BORA – hansgrohe Sprintzug zu verstärken.

Trotz der schwierigen Umstände durch die Covid-19 Pandemie konnte Patrick heuer schon an einigen Rennen in der WorldTour teilnehmen, wichtige Erfahrungen sammeln und bereits erste Erfolge mit und für das Team der BORA – hansgrohe feiern. Nachdem im Frühjahr lediglich online Rennen stattfinden konnten, wurde im Laufe der Saison unter anderem die Austrian Time Trial Series ausgetragen, bei welcher Patrick Gamper das zweite Rennen für sich entscheiden konnte. Am Salzburgring setzte er sich gegen knapp 90 Teilnehmer durch und sorgte in weniger als 15 Minuten für einen weiteren Erfolg des deutschen WorldTeams. Außerdem wurde er österreichischer Vizestaatsmeister im Zeitfahren, nachdem er sich mit dem Topzeitfahrer Matthias Brändle (Israel Start-Up Nation) einen wahren Krimi geliefert hatte. Die Giro d’Italia musste er leider wegen eines Sturzes frühzeitig beenden.

WORDRAP „DA SCHAU HER“

Patrick, wie hast du den Wechsel zu BORA- hansgrohe und in die WorldTour erlebt?

Ein bisschen wie eine Erlösung – ich habe sehr lange auf den Bescheid warten müssen, da war es am Ende sehr erleichternd zu wissen, wie es sportlich weiter geht. Nach dem Bescheid ging dann alles sehr schnell, das erste Teammeeting war sogar bereits gewesen, bevor ich überhaupt meinen Vertrag in der Hand hatte. Durch die familiäre Stimmung im Team und dem geringen Kulturunterschied zwischen Deutschland und Österreich ist der rasche Wechsel aber zumindest auf der persönlichen Ebene echt super gut gegangen.

Wie gut ist dir bislang die Anpassung an das neue Niveau in der WorldTour geglückt?

Das erste Jahr in der WorldTour ist sportlich meist recht schwierig und die Corona-Pandemie und die damit einhergehende lange Rennpause haben mir den Einstieg definitiv nicht einfacher gemacht. Insgesamt waren es 6 Wochen Rennpause für mich, da fällt es schwer sich zu orientieren und das Niveau richtig einzuschätzen. Am Ende hat es dann aber doch ganz gut gepasst und ich habe viele Erfahrungen sammeln und dazu lernen können.

Wenn du dein erstes Jahr bei BORA – hansgrohe Review passieren lässt, wofür bist du besonders dankbar?

Definitiv für die ganze Unterstützung, das Vertrauen, welches mir entgegengebracht wurde, und dafür, dass ich direkt so gut aufgenommen wurde. Ich habe gedacht, dass ich deutlich länger brauchen würde, um meinen Platz im Team zu finden, das ist aber erfreulicherweise tatsächlich recht schnell gegangen. Dass ich im ersten Jahr direkt so viel Vertrauen vom Team genießen durfte und mit der Giro d’Italia sogar schon mein erstes großes Highlight bekommen habe, hat meine Erwartungen weit übertroffen.

Außerdem weiß ich die positive Grundstimmung und den Zusammenhalt im Team sehr zu schätzen. Besonders zu so schwierigen Zeiten wie heuer ist es cool, Teil so eines familiären Teams zu sein!

Gibt es ein Ziel, was du fest vor Augen hast und mit der Unterstützung von BORA-Hansgrohe und dem Olympiazentrum Tirol erreichen möchtest?

Primäres Ziel wird eine Vertragsverlängerung sein, da ich mich eben sowohl auf der persönlichen Ebene sehr wohl als auch auf der sportlichen Ebene bei BORA – hansgrohe sehr gut betreut fühle.

Langfristig wäre es mein Traum, mich als Profi zu etablieren, meinen Platz finden und mich sportlich weiter zu entwickeln. Die Giro d’Italia Nominierung war eine große Motivation für mich, das hat einfach brutal viel Spaß im Team gemacht und mir gezeigt, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Schade nur, dass ich die Tour unfallbedingt abbrechen musste.

Blog by Adele Tietgen // Fotos: GEPA pictures

Plötzliche Stille im Sport

Wie wirkte sich die corona-bedingte Zwangspause auf Profisportler aus? Wie motivierten sie sich während des Lockdowns? Und hatte das Ganze auch Positives? Unser Trainer Lukas Höllrigl und unser Athlet Markus Wildauer berichteten bei sport.tirol gemeinsam mit Sportpsychologe Christopher Willis über ihre Erfahrungen.

 

Lukas Höllrigl über die Erfahrungen aus Sicht der TrainerInnen

Durch den Ausbruch von Covid-19 wurde dem heimischen Radsport eine längere Zwangspause verordnet. Lukas, wie hast du die vergangenen Monate als Trainer erlebt?

Es war so, dass die Rennen im Profiradsport ebenso wie im U23-Bereich schon gestartet haben und man sich gewissermaßen schon in der heißen Phase befand, als man durch die Coronakrise abrupt zum Stillstand gezwungen wurde. Die Sportler kamen quasi gerade aus dem Winterschlaf, waren wirklich heiß auf die Wettkämpfe – und dann war alles nach wenigen Rennen schon wieder vorbei. Da war die Enttäuschung bei dem einen oder anderen natürlich ziemlich groß.

Wie hat sich das auf den Alltag der Sportler ausgewirkt?
Man muss das Ganze in zwei Phasen unterteilen. In der strengeren Phase mit dem Lockdown war es für die Athleten schwierig, sich bei Laune zu halten. Wenn ein Radfahrer nicht auf sein Rad kann, leidet natürlich die Motivation. Als Trainer muss man versuchen, sich Dinge einfallen zu lassen, damit die Fahrer trotzdem was zu tun haben. Sie sagen: Okay, ich habe zwar im Moment nicht die Möglichkeit, aufs Rad zu steigen, dafür arbeite ich aber an Bereichen, die sonst vielleicht auf der Strecke bleiben, etwa ganz allgemein am Bewegungsapparat oder an der Mobilisation. Dann gab es die andere Phase, in der Wettkämpfe zwar nicht absehbar waren, man aber zumindest wieder Rad fahren konnte, wenn auch nur in Österreich und nicht über die Grenzen hinaus. Da war alles schon wieder um einiges einfacher.

Was waren für dich als Trainer die größten Herausforderungen während dieser Zeit?

Naja, natürlich fällt man auch als Trainer erst mal in ein Loch. Man hat sich den ganzen Winter über Gedanken über Trainingsinhalte gemacht, damit man die Athleten weiterbringt und sie eine erfolgreiche Saison haben, und dann schmeißt Corona alles über den Haufen. Wir mussten viel mit Was-wäre-wenn-Szenarien arbeiten. Das war, glaube ich, die größte Challenge aus Trainersicht, mit dieser unklaren Situation umzugehen und dabei trotzdem analytisch und nüchtern zu bleiben.

Wie sieht es momentan aus? Herrscht mittlerweile wieder etwas mehr Klarheit?

Ja, die offenen Variablen werden immer weniger. Wir kommen langsam zu den Wettkämpfen hin, haben auch schon Termine, und es gibt keine großen Fragezeichen mehr. Im Grunde bereiten wir nun einen standardmäßigen Trainingsaufbau vor, wie man das sonst im Frühjahr macht. Insofern hat sich die Saison für uns durch den Lockdown und die Folgen eigentlich nur um ein paar Monate nach hinten verschoben.

Siehst du diese erzwungene Pause eher als Vor- oder als Nachteil?
In Bezug auf das Training hatte das Ganze sicher auch positive Effekte. Ich habe bei vielen unserer Radsportler gemerkt, dass sie die Zeit wirklich effektiv genutzt und in gewisser Weise auch genossen haben. Sie konnten etwa lange Grundlagentrainings, die man normalerweise im Winter, in einem Trainingslager im Ausland macht, zu Hause absolvieren. Das hat den Athleten die Möglichkeit eröffnet, klassische längere Routen oder große Genussrunden in Tirol zu fahren, wofür es im Sommer im Normalfall kaum Gelegenheit gibt. Das hat vielen gut getan. Zudem konnte man auch mal neue Dinge ausprobieren. Was die Wettkämpfe selbst betrifft, kann ich mir aber vorstellen, dass es für den einen oder anderen nun schwer werden dürfte, nicht zuletzt im Hinblick auf die nächste Saison.

Inwiefern?
Durch die Zwangspause finden viele Rennen ja später als sonst und folglich sehr komprimiert im August, September und Oktober statt. Die Saison ist insgesamt länger, und man muss sich die Frage stellen, wie man darauf reagiert – ob man also beispielsweise die Winterpause verlängert oder nicht. Gerade für arrivierte Fahrer mit alten, seit Jahren bewährten Mustern könnte das ein Problem darstellen, wenn sie jetzt einen solchen Bruch erleben. Auf der anderen Seite haben junge Fahrer dadurch aber vielleicht größere Chancen. Ich glaube jedenfalls, dass da einiges passieren kann.

Lukas Höllrigl ist als Trainer und Leistungsdiagnostiker bei uns am Olympiazentrum Tirol Innsbruck tätig. Unter anderem betreut er Fahrer des Tirol KTM Cycling Teams, des Innsbrucker Nachwuchs-Rennstalls für angehende Radprofis aus dem U23-Bereich.

 

Markus Wildauer über die Erfahrungen aus Sicht der AthletInnen

Wie hat sich die Corona-Pandemie auf die Ausübung deines Sports ausgewirkt?

Der Alltag im Lockdown war ziemlich monoton. Ich habe darauf geachtet, dass ich den Trainingsumfang reduziere, aber intensiver trainiere, um die Form zu halten. Auch Abwechslung versuchte ich reinzubringen, um nicht stundenlang nur indoor auf der Rolle zu sitzen.

Was war die größte Herausforderung während des Lockdowns?

Eine Herausforderung war, die Motivation nicht zu verlieren. Speziell am Anfang, als die Infektionszahlen immer weiter und weiter gestiegen sind, folgte eine Rennabsage der anderen. Plötzlich waren keine Rennen mehr in Aussicht. Ich motivierte mich mit langfristigen Zielen. Mein größtes Ziel ist, den Sprung in die Profiliga zu schaffen.

Inwiefern erschwert Corona die Verwirklichung dieses Traums?

Als Nachwuchssportler wäre es gut, sich bei internationalen Rennen präsentieren zu können und gute Ergebnisse einzufahren. Ohne Rennen ist das denkbar schwierig. Meine Hoffnung liegt in den internationalen Rennen, wie dem Baby-Giro, nachdem ja ganz kurzfristig auch die Tour de l’Avenir abgesagt worden ist. Bezüglich der Europameisterschaft im französischen Plouay, die für August geplant ist, hoffen wir noch. Dort würde ich mich gerne stark präsentieren. Voraussetzung ist, dass sie stattfindet. Eine gewisse Unsicherheit herrscht nach wie vor. Kommt eine zweite Welle? Wie schaut es mit den Auflagen aus?

Wie gelingt es dir, die Motivation nicht zu verlieren?

Derzeit finden ja einige der wichtigsten Radrennen statt. Das spornt mich an. Da will ich zeigen, dass ich gut bin und es wirklich will. Während des Lockdowns war auch der telefonische Kontakt zu Mannschaftskollegen wichtig. Wir tauschten uns aus und bauten uns gegenseitig auf.

Wirken sich die Corona-Pandemie und die damit verbundenen Rennabsagen auf deine finanzielle Situation aus?

Ich habe das große Glück, als Heeressportler nicht von Prämien und Sponsorengeldern abhängig zu sein. Ich bin sehr dankbar, in dieser Zeit weiter Unterstützung zu bekommen.

Wie sieht die aktuelle Situation aus? Trainiert ihr wieder in der Mannschaft?

Seit es wieder erlaubt ist, trainieren wir wieder in der Gruppe. Das macht definitiv mehr Spaß als alleine. Die Zeit vergeht viel schneller. Gerade nach der langen Periode, in der man sich nicht sehen konnte, hat man viel zu besprechen.

Wie schaut es mit Sorgen um deine Gesundheit aus? Hast du Angst, dich mit dem Virus zu infizieren?

Angst würde ich es nicht nennen, aber klar macht man sich Gedanken. Eine Ansteckung würde bedeuten, Zeit zu verlieren, kein Training, kein Kontakt zu anderen, möglicherweise keine Rennen. Ich halte mich an die allgemeinen Empfehlungen und versuche, das Risiko einer Ansteckung zu minimieren. Ich vermeide beispielsweise Einkaufzentren oder Bars.

Hast du in den letzten Wochen jemals ans Aufgeben gedacht?

Nein, aufgeben war nie Thema für mich. Ich möchte noch viel erreichen.


Markus Wildauer (22) hat seine Rennradkarriere mit 14 Jahren beim RC Tirol aus Vomp begonnen. Seit 2017 fährt er für das Tirol KTM Cycling Team. Er gilt als Allrounder, sprich er kann bergauf schnell fahren und hält auch im Flachen beim Zeitfahren mit. Seine zwei größten Erfolge erzielte er 2018 mit dem Etappensieg beim Giro Ciclistico d’Italia (Baby-Giro) und dem dritten Platz bei der EM im Einzelzeitfahren. Wildauer lebt im Zillertal. Sein großes Ziel ist, den Sprung in eine Profimannschaft zu schaffen.

 

© Sport.Tirol Text: Simon Leitner, Eva Schwienbacher, Headerbild: Elisa Haumesser  Bild: GEPA – Jasmin Walter

Super Platzierung bei Online-EM

Auch im Leistungssport blieben einige Umstrukturierungen in Folge des Coronavirus nicht aus. Der europäische Taekwondo Verband reagierte gekonnt auf die neuartige Situation und ermöglichte die Austragung einer offenen Europameisterschaft im Poomsae (Formenlauf) mit über 1200 TeilnehmerInnen aus 75 verschiedenen Ländern. Dabei wurden die Technikdisziplinen gefilmt und anschließend von den Kampfrichtern bewertet. Anna Schneeberger konnte sich dabei den 20. Platz in der allgemeinen Klasse sichern – eine großartige Leistung bei einem Teilnehmerfeld von über 110 Sportlerinnen aus 42 Nationen.

 

Anna, du hast erfolgreich an dieser neuen Form der Europameisterschaft teilgenommen. Wie hast du die Teilnahme selbst erlebt?

Es war eine sehr interessante Erfahrung, etwas komplett Neues. Man konnte sich seine eigene Location basteln und war nicht an den üblichen Turniermodus gebunden. Das bekannte Turniergefühl war schon nicht ganz so ausgeprägt, aber gerade dadurch war es auch echt spaßig – wir haben zumindest voll die Gaudi gehabt, auch wenn es ein sehr anstrengender Tag war.

Wie genau lief diese Online-Europameisterschaft ab?

Wir haben eine Deadline bekommen, zu der wir Videos auf YouTube hochladen mussten. Insgesamt hatten wir 24 Stunden Zeit sechs Formen am Stück vor laufender Kamera durchzuführen. Auch während der Pausen mussten wir im Bild bleiben. Dann wurden die Videos von Kampfrichtern angeschaut und bewertet. Dies wurde live übertragen, so dass wir die Bewertung entspannt vor dem Fernseher anschauen konnten. Wobei so entspannt war es dann doch nicht, ich war schon sehr angespannt, als es dann zu meiner Bewertung kam und meine ganze Familie hat mitgefiebert.

An dieser Stelle auch von uns noch einmal herzlichen Glückwunsch zu deiner großartigen Platzierung. Waren die Emotionen insbesondere nach deinem Erfolg dieselben?

Es war schon anders, als wenn man direkt auf der Matte steht. Vor allem war diesmal ein größerer zeitlicher Abstand zwischen der erbrachten Leistung und der Bewertung. Dadurch war alles schon so fix, man hatte es nicht mehr in der Hand und konnte keinen Einfluss mehr nehmen. Die Freude über den Erfolg war aber auf jeden Fall riesig!

In deinem Video sieht man zwischendurch Jemanden den Rasen mähen. Was hat es damit auf sich?

Mein Trainer hatte die Idee mit den Videos einen Wiedererkennungswert für die nächsten Turniere zu schaffen. Unser Ziel war es, dass die Videos im Kopf bleiben und ich auf den nächsten Turnieren mit ihnen assoziiert werden. Wir haben also gewissermaßen versucht die Videos zur Vermarktung zu nutzen und haben uns deshalb Gedanken über die Location gemacht und Flaggen aufgehängt. Mein Trainer hatte dann noch die witzige Idee mit der lustige Pausengestaltung zwischen den Formläufen. Das hat sehr gut funktioniert, auch wenn die Pausen zum Teil zu witzig waren, weil ich mich ja noch auf meine nächste Runde konzentrieren musste.

Was sind aus deiner Sicht die Vor- und Nachteile einer solchen online Veranstaltung?

Ein Vorteil ist auf jeden Fall, dass man sich selbst und auch allen anderen zuschauen kann. Bei den Turnieren ist man oftmals so auf sich konzentriert und fokussiert, dass man nur wenig von den anderen mitbekommt. Diesmal konnte man echt alle Leistungen in Ruhe anschauen und auch würdigen.

Siehst du Potential in dieser Wettkampfsform?

Ja, diese online Veranstaltung wurde ja zumindest sehr gut angenommen. Zuerst hatten die Veranstalter Sorge, es würden auf Grund der besonderen Veranstaltungsart zu wenig Teilnehmer geben und ließen deshalb AthletInnen aus allen Nationen zu. Tatsächlich ist aber das Gegenteil eingetreten. Die online Austragung hat vielen AthletInnen eine Teilnahme überhaupt erst ermöglicht, da sie ansonsten vielleicht nicht die finanziellen Mittel gehabt hätten zum Austragungsort zu reisen. Alle hatten durch diesen leichten Zugang also die gleichen Chancen – viele Talente konnten sich dadurch zeigen!

Wie geht die Saison für dich jetzt weiter? Welche Ziele hast?

Mein Wunsch ist es, bald wieder Wettkämpfe machen zu können. Bei all dem Training gehen einem die Turniere schon ab, irgendwann will man sich auch wieder beweisen. Im Oktober stehen die Staatsmeisterschaften an, auf die freue ich mich schon volle. Das langfristige Ziel bleibt aber eine WM- oder EM-Medaille. Die online-Europameisterschaft war nur ein kleiner Trost für die ausgefallene WM heuer in Dänemark. Sie wird nun auf 2022 verschoben und in Korea stattfinden.

Kannst du dich durch die zeitliche Verzögerung der WM nochmal anders und vielleicht auch besser vorbereiten?

Die gewonnene Zeit kommt mir eigentlich wirklich zugute. Es wäre sicherlich dieses Jahr eine tolle Erfahrung gewesen dabei zu sein, aber bei der nächsten WM kann ich bestimmt noch andere Platzierungen ins Auge fassen, als ich es dieses Jahr gekonnt hätte. Es ist schon ein Jahr was ich dazu geschenkt bekommen habe.

Hier geht’s im Übrigen zu Anna Schneebergers Video: ONLINE EM – Taekwondo – Anna Schneeberger 

Blog by Adele Tietgen

Die Liebe zum Sport – und zur Wissenschaft

Seit 8,5 Jahren arbeitet Lisa Steidl-Müller nun schon im Team des Olympiazentrums Tirol. Angefangen hat sie 2011 als studentische Mitarbeiterin. Seither hat sich sehr viel entwickelt: Sponsion, Promotion, Post-Doc Stelle, Publikationen, Habilitation, Lehre am ISW und seit 1,5 Jahren eine Stelle als Assistenzprofessorin.

Während des Studiums fuhr Lisa zweigleisig und absolvierte sowohl das Diplomstudium Lehramt (Italienisch sowie Bewegung und Sport), als auch den Bachelorstudiengang Gesundheits- und Leistungssport. Damals war es noch gänzlich offen, ob ihre berufliche Perspektive eher in der Schule oder in der Wissenschaft liegen würde.

Das Probejahr in der Schule hat Lisa noch erfolgreich absolviert. Auf dem Weg in den Einstieg in den Lehreralltag kam ihr aber dann die Liebe zur Wissenschaft dazwischen. Diese hatte sie bereits beim Schreiben ihrer Diplomarbeit entdeckt und ergriff dann die großartige Möglichkeit, sich im Rahmen der Dissertation weiterführend mit der Thematik des relativen Alterseffekt im alpinen Skirennlauf zu beschäftigen. Ihre Forschungsergebnisse prägen nicht nur ihre persönliche wissenschaftliche Laufbahn, sondern beeinflussen auch die Talentsichtung im alpinen Skirennlauf. Der Fokus ihrer wissenschaftlichen Arbeit liegt seither entsprechend sowohl in der, von Prof. Christian Raschner seit mehreren Jahrzehnten laufenden Talentforschung im Skirennlauf, als auch in einem in einem von Lisa initiierten großangelegten Projekts zur Verletzungsprävention im Nachwuchsskirennlauf in Zusammenarbeit mit der Ski-Mittelschule Neustift. Als leidenschaftliche Skifahrerin schätzt Lisa die Möglichkeit, sich auch wissenschaftlich mit dem Ski-Sport auseinanderzusetzen. In der Lehre am ISW konzentriert sie sich unter anderem auf die Fachdidaktik des Schulsports, auf die Vermittlung von wissenschaftlichem Arbeiten und im Rahmen des Bachelorseminars auf die Betreuung der Bachelorkandidaten.

Aus beruflicher Perspektive war das Freiwerden der studentischen Mitarbeiter-Stelle am Institut für Sportwissenschaft im Bereich Trainingswissenschaft bei Prof. Christian Raschner, und somit die Möglichkeit, im Team des Olympiazentrums mitzuwirken, der Türöffner zu ihrer bislang sehr erfolgreichen wissenschaftlichen Karriere. Bei der Erinnerung an die Anfangszeit muss Lisa lächeln und sich nochmals kurz bei Roland Luchner bedanken, der die Stelle damals „frei“ gemacht hatte. Heute sitzen beide gemeinsam in einem Büro und blicken bereits auf viele konstruktive und produktive als auch unterhaltsame Arbeitstage zurück.

i

WORDRAP „DA SCHAU HER“

Seit Anfang 2019 hast du eine Stelle als Assistenzprofessorin an der Universität und bist im Team des Olympiazentrums. War es für dich eine Entscheidung für die Wissenschaft oder gegen den Lehramtsberuf?

Definitiv für die Wissenschaft! Es gibt für mich nicht wirklich einen Grund gegen den Lehramtsberuf, aber so lange ich die freie Wahl habe, gebe ich der Wissenschaft den Vorrang. Zumal ich durch die Lehre in der Uni auch meine „Schüler“ habe und unterrichten kann (und mir der Ärger mit den Eltern erspart bleibt).

Was fasziniert dich an der wissenschaftlichen Arbeit?

Insbesondere reizt es mich, unerforschte Dinge herauszufinden, sich Themen anzunehmen und Expertise aufzubauen. Mich freut es, wenn man mit Forschung etwas in der Praxis bewirken kann, wie zum Beispiel zu mehr Fairness oder zur Verletzungsprophylaxe beitragen zu können.

Einer deiner Forschungsschwerpunkte ist die Talentforschung. Was begeistert dich an der Talentforschung?

Mir gefällt die Arbeit mit den NachwuchsathletInnen. Durch Ungerechtigkeit in der Talentsichtung werden zum Teil Träume zerstört. Es gibt verschiedene Einflussfaktoren und manchmal kommt es zu Selektionsfehlern. Sich mit der Talentforschung weiter zu beschäftigen ist zumindest der Versuch zu mehr Fairness beizutragen. Zudem ist es natürlich die Freude darüber, die Entwicklung der AthletInnen mitzuerleben und vielleicht einen kleinen Beitrag dazu leisten zu können. In dem Forschungsbereich bin ich noch immer glücklich.

Nachdem du dich so viel mit der Talentforschung beschäftigt hast, gibt es für dich eine ganz persönliche Definition von Talent?

Für mich ist Talent ein Zusammenspiel aus einer hohen intrinsischen Motivation, der körperlichen Voraussetzung für eine Sportart und vor allem einem großen Entwicklungspotential. Leistung muss immer im Zusammenhang mit dem aktuellen Entwicklungsstand gesehen werden. Zudem gehört eine hohe Anpassungsfähigkeit und eine hohe Lernbereitschaft zur sportlichen Weiterentwicklung. Ohne eigene Motivation geht es jedoch nicht.

Verrätst du mir ein geheimes Talent von dir? Oder hast du eine Schwäche, die du verraten willst?

Meine Schwäche ist definitiv: Ich bin Perfektionistin. Ansonsten habe ich eigentlich das Gefühl, dass ich meine Talente nicht verberge. Ich sportle, koche, backe und nähe unglaublich gerne und bereite anderen gerne mal eine Freude. Aber das kann man vielleicht nicht als Talent sehen… (Roland wirft prompt von gegenüber ein, dass er es definitiv als Talent ansehen würde).

Wie sieht dein Arbeitsalltag im Team des OZ aus?

Durch die vielen verschiedenen Bereiche ist mein Arbeitsalltag unglaublich abwechslungsreich und nie langweilig. Die Koordination der Leistungsdiagnostik am OZ und die damit einhergehende Terminverwaltung nimmt viel Zeit in Anspruch, genauso wie die PraktikantInnen-Betreuung. In der Forschung kann ich recht frei arbeiten und überlege mir gemeinsam mit Carolin Hildebrandt und Christian Raschner, was die nächsten Schritte sein können. Hier gilt es, stets auf dem aktuellen Stand der Literatur zu sein, Daten zu erheben und auszuwerten, Publikationen zu schreiben und die eigenen Forschungsergebnisse auf Kongressen oder Fortbildungen weiterzugeben. Neben der Forschung nimmt auch die Lehre einen großen Teil meiner Arbeit ein. In die Lehre stecke ich recht viel Energie und versuche mich immer daran zu erinnern, was ich selbst als Studentin gerne bekommen hätte in den Lehrveranstaltungen und versuche, das umzusetzen. Ich möchte mit den StudentInnen und nicht gegen sie arbeiten.

Grundsätzlich ist der Alltag schon sehr stressig, aber ich schaue immer, dass mein Sport nicht zu kurz kommt und das Privatleben auch nicht. Aber Wissenschaft macht am Wochenende eben keine Pause…

An welchen spannenden Projekten arbeitest du zurzeit? Oder ist das noch top-secret?

Zum einen arbeite ich fortlaufend an einem langfristigen Projekt zur Verletzungsprävention mit der Ski-Mittelschule Neustift. Hier haben wir gerade einen Artikel publiziert über eine Studie, in der wir uns den Einfluss von Trainingsbelastungsmerkmalen auf das Verletzungs- und Krankheitsrisiko angeschaut haben. Des Weiteren habe ich vor Kurzem einen Artikel über die Veränderungen in der sportmotorischen Leistungsfähigkeit sowie der anthropometrischen Daten über eine Saison als mögliche Verletzungsrisikofaktoren publiziert. Dort konnte gezeigt werden, dass SportlerInnen, welche sich in ihrer Sprungkoordinationsfähigkeit mehr verbessern konnten innerhalb einer Saison, ein geringeres Verletzungsrisiko aufwiesen. Außerdem zeigte sich, dass AthletInnen mit großen Wachstumsschüben vorübergehend einem größeren Verletzungsrisiko ausgesetzt sind. Vor Kurzem wurde auch ein Artikel akzeptiert, in welchem wir uns die Entwicklung des sportmotorischen Leistungsniveaus von NachwuchsskirennläuferInnen im Vergleich von vor 15 Jahren und heute angeschaut haben. Hier sind klare Tendenzen zu erkennen, dass die heutigen NachwuchsskirennläuferInnen deutlich bessere Rumpfkraftwerte aufweisen als jene, die vor 15 Jahren getestet wurden, was sich durch diverse Trainingstrends und diverse Verletzungsstudien, in denen die Bedeutung der Rumpfkraft in der Verletzungsprävention aufgezeigt wurde, in den letzten Jahren erklären lässt. Zudem startet ein Projekt, welches den Einfluss des biologischen Entwicklungsstandes bzw. diverser anthropometrischer Parameter auf das Verletzungsrisiko untersuchen wird. Hier sind schon klare Tendenzen zu erkennen, dass weniger weit entwickelte Kinder ein höheres Verletzungsrisiko haben, da die Trainingsintensitäten nicht genügend differenziert werden. Darauf aufbauend sollen dann noch weitere Risikofaktoren im Nachwuchsskirennlauf untersucht werden. Im Herbst wird zudem das Klug und Fit Projekt fortgesetzt. In Kooperation mit der Uni Salzburg wird dabei die sportmotorische und kognitive Leistungsfähigkeit der österreichischen Schuljugend untersucht.

Was schätzt du am meisten an der Arbeit am Olympiazentrum?

Definitiv das Team und die feine Atmosphäre am Olympiazentrum. Zudem schätze ich die Wertschätzung und Eigenständigkeit. Meine Arbeit besteht nicht in einem Abarbeiten einer to-do Liste, sondern ich kann meine eigenen Vorstellungen verwirklichen.

In 8 Jahren Arbeit am OZ. Welcher Moment ist dir am eindrucksvollsten in Erinnerung?

Da gibt es so viele schöne und lustige Momente, an die man gerne denkt…

Worin siehst du die Vorteile und (Nachteile?) der Zusammenarbeit des Instituts für Sportwissenschaft und des Olympiazentrums?

Hauptsächlich sehe ich Vorteile, vor allem in der Verknüpfung zwischen Theorie und Praxis. Durch die enge Zusammenarbeit kann die tägliche Forschung in die tägliche Praxis übertragen werden. Viele der Trainer am OZ halten Lehrveranstaltungen und können so ihre Erfahrungen direkt an die StudentInnen weitergeben. Außerdem ist es für die Studierenden von Vorteil, dass sie im Zuge eines Praktikums im Olympiazentrum die Möglichkeit haben, das im Studium Gelernte in der Praxis anwenden zu können bzw. beobachten zu können.

Wo findet man dich, wenn nicht im OZ?

Auf dem Tennisplatz, beim Skifahren, beim Klettern, bei den Neffen und Nichten oder daheim beim Nähen, Kochen oder Arbeiten.

Du hast schon früh angefangen Tennis zu spielen. Wer war damals größer, du oder der Tennisschläger?

Viel wird da tatsächlich nicht gefehlt haben. Allerding spiele ich schon seit ich denken kann Tennis und habe daher keine genaue Erinnerung an die ersten Tage auf dem Tennisplatz. Ich glaube ich war zwei Jahre alt, als mir meine Familie das erste Mal einen Schläger in die Hand gegeben hat.

Hast du Vorbilder oder Leute, die dich inspiriert haben bzw. inspirieren?

Meine Eltern, sie haben mich sowohl beruflich als auch menschlich inspiriert und mir gezeigt, dass man Beruf und Familie sehr wohl gut unter einen Hut bekommen kann.

Was war dein Traumberuf in der Kindheit?

Als kleines Kind wollte ich Hebamme werden, wobei ich da nicht wirklich wusste, was eine Hebamme macht… Später wollte ich immer Lehrerin werden.

Gibt es eine sportliche Karriere, vor der du besonders Hochachtung hast und welche du besonders viel verfolgst oder verfolgt hast?

Ja, bei Marcel Hirscher hat mich immer die Konsequenz fasziniert, mit welcher er seiner sportlichen Karriere nachgegangen ist. Er war wahrhaftig ein vollkommener Athlet und sicherlich für viele Nachwuchssportler ein Vorbild.

Die Entwicklung von Anna Stöhr habe ich ebenfalls sehr nah mitbekommen, da auch ein persönlicher Kontakt vorliegt. Sie hat sehr viel erreicht und durch ihre beeindruckende Karriere und ihr sympathisches Auftreten den Klettersport in Österreich vorangetrieben.

Blog by Adele Tietgen

Der Traum von Olympia

Die Weltmeisterschaft in Stuttgart und eine damit verbundene Olympiaqualifikation stellt unsere Athletin und Athleten für eine gemeinsame Challenge.

Um ihre Träume zu verwirklichen, haben alle drei unsere Athleten ihren Heimatort verlassen, um die Möglichkeiten vom Österreichischen Turnverband und auch vom Olympiazentrum in Innsbruck in Anspruch zu nehmen. Elisa Hämmerle wagte darüber hinaus dieses Jahr den noch größeren Schritt, sie entschied sich für eine internationale Trainingsgruppe in Hoofddorp/Niederlande. Hier stellen wir die Starter bei der „WORLD CHAMPIONSHIPS – ARTISTIC GYMNASTIC – Stuttgart 2019″ genauer vor:

Elisa Hämmerle  (23 Jahre), ist 19-fache Staatsmeisterin. Sie konnte bereits einige internationale Erfolge feiern, so war sie bereits sechs Mal bei der Europameisterschaft und fünf Mal bei der Weltmeisterschaft dabei. Weiters konnte sie bereits vier Medaillen bei Weltcups gewinnen. Bei den olympischen Jugendspielen 2010 belegte sie den 12.Platz. Auch sie legte ihren Fokus auf den Mehrkampf.

Alexander Benda (22 Jahre), auch Xandi, hat seinen Fokus vor allem auf den Mehrkampf* gelegt. Er ist 7-facher Staatsmeister, weiters konnte er bereits einen 10.Platz im Weltcup erreichen.

Vinzenz Höck (23 Jahre), bestreitet genauso den Mehrkampf*, ist jedoch vor allem auf den Ringen unterwegs. Als seinen größten Erfolg nennt er die Silbermedaille bei der Universiade 2019. Weiters konnte er bereits 2017 im Weltcup einen 2.Platz erreichen, auch 2019 ist ihm ein 3.Platz gelungen.

Geheimrezept „verletzungsfrei“

Was ist euer Geheimrezept um verletzungsfrei zu bleiben?

Elisa: Ein zentraler Punkt, um verletzungsfrei zu bleiben, ist meiner Meinung nach, auf die Signale des eigenen Körpers zu hören und diesen auch treu zu bleiben. Neben ausreichend Schlaf und ausgewogener Ernährung, versuche ich auch mein Training so effizient wie möglich zu gestalten, sprich weniger Wiederholungen, dafür diese mit maximaler Konzentration.

Alexander: Aufgrund von Verletzungen, habe ich gelernt, dass ich mehr auf meinen Körper hören muss. So lege ich nun mehr Wert auf aktive Pausen und nehme auch häufiger Physiotherapie und Massagen in Anspruch.

Vinzenz: Mein größtes Geheimrezept ist so gut wie möglich auf meinen Körper zu hören und ihm auch einmal eine kurze Pause zu gönnen. Ein weiteres gutes Rezept ist genug Schlaf, ich bin der Meinung, nur mit ausreichend Schlaf kann man Höchstleistungen bringen und sich vor allem gut genug für den nächsten Trainingstag regenerieren.

Vinzenz Höck // Foto: ÖFT, Leo Hagen

Der internationale Vergleich

Welche Platzierungen konntet ihr bisher bei Weltmeisterschaften in den vergangenen Jahren erreichen?

Elisa nahm bereits fünf Mal bei den Weltmeisterschaften teil, sie konnte sich in den vergangenen Jahren im Mehrkampf stets im vorderen Drittel bzw. im guten Mittelfeld positionieren.

Alexander hatte bei der Weltmeisterschaft 2017 in Montreal keinen guten Tag erwischt, so blieb er auf allen 3 Geräten auf denen er angetreten ist deutlich unter seinem Leistungsniveau.

Vinzenz hingegen lief es bei dieser Weltmeisterschaft deutlich besser, so konnte er 2017 in Montreal den 17.Platz erreichen.

Was sind eure Erwartungen an die bevorstehende Weltmeisterschaft?

Elisa: Zum einen ist es mein Ziel, einen fehlerfreien Wettkampf zu turnen, zum anderen habe ich die letzten Monate sehr hart an der Ausführung und Präzision meiner Übungen gearbeitet. So hoffe ich, dass sich das bezahlbar macht und sich in den Bewertungsnoten widerspiegeln wird.

Alexander: Ich erwarte mir eine super Stimmung in der Halle freue mich schon darauf, dass ein großer Teil meiner Familie zuschauen kommt. Aber vor allem passt mein Trainingsaufbau sehr gut und ich erwarte mir von mir selber trotz der Olympiaqualifikation im Hinterkopf eine Top Leistung zu bringen und meinen Mehrkampf so fehlerfrei wie möglich zu turnen.

Vinzenz: Dieses Jahr werden die Olympiatickets bei der WM vergeben, aus diesem Grund liegt der Fokus dieses Jahr vor allem auf dem Ergebnis vom Mehrkampf, wo ich die Top 50 erreichen möchte. An den Ringen hoffe ich, dass ich mein bisher bestes Ergebnis toppen kann und unter die Top 15 der Welt turnen kann.

Elisa Hämmerle // Foto: Olympiazentrum

Der Traum von Olympia

*Qualifikationskriterien sind von den Leistungen unserer Turner und Turnerin abhängig und von den Leistungen aller anderen Turner und Turnerinnen, so spielt es auch eine Rolle welche bereits qualifizierten TurnerInnen die vorderen Plätze belegen.

Alexander, wie sehr träumt man von Olympia?

Alexander: Seit ich dieses Jahr realisiert habe, dass es nun auch bei mir an der Zeit ist, dass es um Olympia geht, geistert es ständig durch meinen Kopf, motiviert mich immens in meinem Training und es gibt für mich derzeit in meinem Leben kein größeres Ziel als die 5 Ringe!!!!

Vinzenz, wie schätzt du deine Chancen für die Olympiaqualifikation ein? 

Vinzenz: Wenn ich beim Mehrkampf alle 6 Übungen ohne einen Fehler zeigen kann, habe ich sehr gute Chancen denke ich, dementsprechend ersuche ich so selbstbewusst wie möglich in den Wettkampf zu gehen.

Wie bereitet sich ein Turner für die olympischen Spiele in Tokyo 2020 vor?

Alexander: Ich habe versucht hartes Training und gute Erholung zu vereinbaren um verletzungsfrei zu bleiben, aber auch nicht unter meinen Möglichkeiten zu bleiben. Und in Stuttgart wird sich zeigen ob dies funktioniert hat. Weiters ermöglicht mir das Olympiazentrum die Unterstützung durch eine Sportpsychologin, wovon ich meiner Meinung nach sehr profitiere.

Vinzenz: Das kann ich hoffentlich nächstes Jahr beantworten!

Elisa, welcher Druck lastet auf dir vor der Olympiaqualifikation, vor allem weil du zu den österreichischen Favoritinnen zählst?

Elisa: Heute versuche ich mich von diesem „Olympia-Hype“ nicht mehr so sehr unter Druck setzen zu lassen und mich mental mehr davon abzuschirmen. Damals meinte ich, nur durch die Olympiateilnahme ist meine Turnkarriere von Bedeutung. Das leiten lassen durch diese Emotionen hat wahrscheinlich dazu geführt, dass ich die Signale meines Körpers ignoriert und dessen Grenzen zu oft überschritten habe. (Elisa hatte sich vor der Olympiaqualifikation für Rio 2016 die Achillessehne gerissen.) Außerdem empfinde es weniger als Druck, sondern eher als positiver Ansporn, die Favoritenrolle zugeschrieben zu bekommen. Der größte Druck sowie die meisten Erwartungen kommen, glaube ich zumindest, meist von einem selbst.

Bitte schwindelfrei!

Alexander und Vinzenz frischten die Sportpressemeldungen in den vergangenen Tagen mit spektakulären Bildern vom Fotoshooting für die Werbekampagne für die Staatsmeisterschaft in Graz auf.

Wie fühlte es sich in solch einer Höhe auf den Ringen an?

Alexander: Es war eines der coolsten Erlebnisse die ich je hatte!! Grundsätzlich muss man einmal sagen, dass Ringe ein Gerät ist auf dem man zwar natürlich auch Fehler macht aber nie runter fällt. Und als wir in weniger Höhe unterwegs waren hatten wir Matten darunter und keine schweren Übungen gemacht. Als wir dann aber auf über 30m waren haben wir uns mit Seilen die Handgelenke an den Ringen fest gebunden! Angsteinflößend war es trotzdem aber gleichzeitig einfach nur geil!!!

Vinzenz: Das Fotoshooting neben dem Grazer Wahrzeichen war auf alle Fälle etwas spektakuläres und außergewöhnliches. Vor allem da wir die ersten waren, die ein Ringe Gerüst mithilfe eines Krans in solche schwindelerregenden Höhen befördert haben.

Alexander Benda // Foto: ÖFT, Leo Hagen

einfach mal Danke sagen

Elisa: Besonders möchte ich meinen Eltern danken, die mir immer zur Seite gestanden sind, mich einerseits meine eigenen Entscheidungen treffen gelassen und diese auch unterstützt haben. Des Weiteren möchte ich meinem alten Trainer, Laurens Van der Hout, mit dem ich von 2012-2016 trainiert habe, danken. In dieser Zeit hat sich das Turnen erst richtig zu meiner Leidenschaft entwickelt. Eine weitere prägende Person in meiner Turnlaufbahn ist Christoph Ebenbichler, der mir geholfen hat, den schwierigsten Punkt meiner Karriere zu überwinden und den Anschluss an die internationale Turnbühne wiederzufinden. Ein großes Dankeschön gilt auch meinen zwei Trainern hier in Holland, Patrick Kiens und Daymon Jones, die meinem Turnen einen neuen Charakter verpasst haben und durch die ich nun top vorbereitet an die WM gehen kann. 

Alexander: Am meisten Dank gilt meinen Eltern die mir, vor allem in jungen Jahren, immer die richtige Mischung aus Motivation aber kein Druckgefühl gaben. Natürlich gilt auch viel Dank meinem Juniorentrainer Benno Poduschka und meinem jetzigen Trainer Petr Koudela, genauso auch meinem Trainer beim Olympiazentrum Carson Patterson. Aber nicht zu vergessen meinen Trainingskollegen ohne die das Trainingsklima nicht so wäre wie es ist!! Dennoch ist für einen Sportler immer sein familiärer und freundschaftlicher Rückhalt eine der wichtigsten Sachen.

Vinzenz: Ich kann mich glücklich schätzen, dass ich sehr viele Leute hinter mir habe, auf die ich zählen kann. Ganz besonderes muss ich vor allem meiner Familie, meinen Eltern und meiner Freundin danken, die mich vor allem in schwierigen Zeiten zum Durchhalten und weitermachen motivieren. Weiters meinem ersten Trainer Benno Poduschka der mir die Liebe zu Turnsport mitgegeben hat. Meinen aktuellen Trainern Petr Koudela und Carson Patterson, die mich zurzeit täglich begleiten und unterstützen. Auch wenn Turnen eine Einzelsportart ist, ist eine motivierte und zielstrebige Trainingsgruppe unabkömmlich, aus diesem Grund möchte ich mich hier bei meinem Wegbegleiter und Teamkollegen Alexander Benda bedanken für die etlichen Stunden die wir zusammen in der Turnhalle miteinander verbracht haben. Die Liste könnte noch ewig weiter gehen, ich möchte mich hier an dieser Stelle jedoch bei meinem Verein (ATG), Verband (ÖFT) und dem Olympiazentrum Tirol für die unglaublichen Trainingsmöglichkeiten, Therapiemöglichkeiten und Unterstützungen bedanken, die ich von allen erhalten habe.

Ungewohntes Terrain

Im Rahmen ihres Sommertrainings nahmen sieben ÖSV-Athleten rund um Abfahrtsvizeweltmeisterin Stephanie Venier an der diesjährigen Dolomitenrundfahrt teil. Sport.tirol erklärt, was es damit auf sich und welche Rolle das Innsbrucker Olympiazentrum dabei gespielt hat.

Die Anfang Juni ausgetragene Dolomitenrundfahrt lockte erneut hunderte Teilnehmer nach Osttirol. Neben Amateur- und Hobbysportlern unterschiedlicher Alters- und Niveaustufen ging bei der diesjährigen Ausgabe des etablierten Radmarathons auch ein ganz spezielles Team in Lienz an den Start – nämlich eine kleine ÖSV-Abordnung rund um Abfahrtsvizeweltmeisterin Stephanie Venier, die gemeinsam mit sechs ihrer Kollegen und unter Anleitung des Innsbrucker Olympiazentrums die 116 Kilometer und über 1.800 Höhenmeter der Rundfahrt in Angriff genommen hat.

Das Event bildete den Abschluss eines dem Ausdauerbereich gewidmeten Trainingsblocks im Rahmen des Sommertraininings im Olympiazentrum, das einige ÖSV-Athleten in der wettkampffreien Zeit betreut. Die Idee, die obligatorischen Konditionseinheiten mit einem Rennen zu verknüpfen und so einen zusätzlichen Anreiz für die Sportler zu schaffen, kam vom Trainerteam des Olympiazentrums, wobei die Sportwissenschaftler Lukas Höllrigl und Chris Ebenbichler die treibenden Kräfte dahinter waren. „Es ging nicht darum, in irgendeiner Form Ergebnisse abzuliefern, sondern darum, gemeinsam etwas zu erleben und dezidiert auf etwas hinzuarbeiten“, erläutert Ebenbichler die Hintergründe. „Das Rennen sollte ein zusätzlicher Ansporn sein, damit die Athleten das Gefühl haben, es lohnt sich, das Trainingsprogramm gewissenhaft zu absolvieren.“

 

Gemeinsam mit dem Team des Olympiazentrums Tirol bereiteten sich sieben Athleten des Österreichischen Skiverbandes (ÖSV) auf die diesjährige Dolomitenrundfahrt in Osttirol vor.

 

Angeboten hätte sich die Dolomitenrundfahrt dabei vor allem aufgrund ihres Streckenprofils: Die Route sei nämlich nicht allzu schwer, deren Distanz gerade richtig und die Anstiege auch für keine ausgewiesenen Ausdauersportler noch bewältigbar. „Wir hatten den Eindruck, dass das eigentlich ganz gut passen könnte“, erklärt Höllrigl. „Also haben wir es unseren Athleten einfach mal vorgeschlagen.“ Und das Vorhaben fand durchaus Anklang, immerhin haben sich letztlich sieben Sportler des ÖSV freiwillig dazu gemeldet – unter anderem auch Stephanie Venier, die, abgesehen von diversen Trainingseinheiten und einer Teilnahme als Jugendliche beim Dreiländergiro, bis dahin keine größeren Erfahrungen auf dem Straßenrad vorzuweisen hatte. „Ich habe mir gedacht, wieso eigentlich nicht“, erläutert Venier ihren Entschluss. „Radfahren gehört sowieso zur Vorbereitung dazu, und so ein Wettkampfformat war mal was anderes. Also habe ich zugesagt.“

In der Folge wurde ihr, ebenso wie ihren sechs Teamkollegen, ein individueller Trainingsplan vom Olympiazentrum ausgehändigt. Darüber hinaus standen jedoch auch eine Leistungsdiagnose in Form eines Laktatstufentests sowie mehrere gemeinsame Ausfahrten mit dem Rad auf dem Programm. Durch diese Maßnahmen sollte gewährleistet werden, dass die Athleten für die bevorstehende Herausforderung bereit und bestmöglich darauf eingestellt sind.

 

Die Bestandsaufnahme

Der Laktatstufentest mit Venier wurde im Olympiazentrum in Innsbruck durchgeführt. Zuständig dafür war Höllrigl, der sich zwar primär um Ausdauersportler kümmert, fallweise jedoch genauso Athleten aus anderen Bereichen berät. „Wenn es um den Faktor Ausdauer geht, werde ich immer mal wieder für Diagnostiken oder Ratschläge hinsichtlich der Trainingsplanung herangezogen“, berichtet der Experte. „Und gerade der Skisport ist eine hochkomplexe Angelegenheit, bei der viele konditionelle Faktoren zusammenspielen.“

 

„Der Skisport ist eine hochkomplexe Angelegenheit, bei der viele konditionelle Faktoren zusammenspielen.“ Lukas Höllrigl, Sportwissenschaftler

 

Doch obwohl Ausdauer im Skisport eine große Bedeutung zukomme, sei sie nicht die vorrangige Eigenschaft, meint Höllrigl. Folglich bestünden in dieser Hinsicht mitunter deutliche Unterschiede zwischen Skifahrern und erklärten Ausdauersportlern wie etwa Radfahrern, vor allem im Hinblick auf Erfahrung und Leistungsfähigkeit. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist die Teilnahme an einem Rennen wie der Dolomitenrundfahrt kein Spaziergang für die sieben ÖSV-Athleten – auch wenn sie als Profis natürlich gut in Form sind und Fahrräder insbesondere während der schneefreien Zeit zu ihren wichtigsten Trainingsgeräten zählen.

 

Stephanie Venier und Lukas Höllrigl beim Laktatstufentest im Innsbrucker Olympiazentrum.

 

„Grundsätzlich geht es darum, den Ist-Zustand der Fähigkeit Ausdauer festzustellen“, erklärt Höllrigl den Zweck der Laktatstufentests, für die in der Regel Fahrradergometer zum Einsatz kommen. „Das hilft uns dabei, Intensitätsbereiche zu definieren und das weitere Training der Athleten entsprechend zu steuern.“ Diese müssen nämlich wissen, mit welcher Geschwindigkeit und welcher Herzfrequenz sie die Trainingseinheiten im Sommer absolvieren sollen, damit sie mit möglichst geringem Aufwand einen möglichst großen Effekt erzielen, bis im Herbst das Schneetraining wieder beginnt.

Dafür wird am Ergometer die Belastung kontinuierlich erhöht, während gleichzeitig Kapillarblutproben vom Sportler entnommen und dessen Pulswerte gemessen werden. Diese Messungen geben nicht nur Aufschluss über die einzelnen Intensitätsbereiche, sondern auch über mögliche Fort- oder etwaige Rückschritte. Die Prozedur selbst dauert so lange, bis der jeweilige Athlet am Ende seiner Kräfte angelangt ist, das heißt, einfach nicht mehr kann. Im Fall von Venier dauert es gut eine halbe Stunde, bis dieses Limit erreicht ist. Insgesamt hat sie sechs Stufen geschafft und sich gut geschlagen, wie Höllrigl attestiert. Man müsse zwar noch die Auswertung abwarten, könne jedoch schon im Vorhinein sagen, dass die Werte ähnlich wie im Vorjahr, vielleicht sogar leicht verbessert seien. „Und das ist überaus erfreulich“, so Höllrigl.

 

Der Probedurchgang

Neben dem Laktatstufentest trafen sich die Sportler und die Betreuer des Olympiazentrums auch zu mehreren gemeinsamen Ausfahrten mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Dabei stand generell weniger die Trainingsintensität im Vordergrund als vielmehr die Gewöhnung an das Rad und das Kennenlernen der Besonderheiten eines Massenrennens mit hunderten Startern – das heißt, das Fahren im Feld bei hohem Tempo, das richtige Verhalten auf der Straße oder das Einhalten des Ernährungsplans während des Rennens. Diese Hürden stellten nämlich, mehr noch als die körperlichen Anforderungen, die größte Herausforderung für die „Rad-Neulinge“ des ÖSV dar.

Nach einigen kleineren Ausflügen stand mit der Karwendelrunde die anstrengendste Probefahrt an. Die Route führte von Innsbruck über Telfs und Mittenwald bis zum Achensee und wieder retour nach Innsbruck. Venier zufolge nahm sich diese Tour gänzlich anders aus als jene, die sie zuvor unternommen hatten: „Die Karwendelausfahrt war um einiges länger, und das merkte man auch“, so die Tirolerin. „Aber es hat gut getan, dass wir mal so lange gefahren sind und viele Höhenmeter gemacht haben, denn so konnten wir uns an die Belastung gewöhnen.“

Und genau das, so Ebenbichler, sei auch das Ziel der Tour gewesen: „Jeder sollte mal an seine Grenzen gehen und möglichst lange Zeit im Sattel verbringen. Dass wir am Ende für die 160 Kilometer ungefähr sechs Stunden benötigt haben, ist gar nicht so schlecht, wenn man bedenkt, dass wir immer zusammengeblieben sind und uns am langsamsten Fahrer orientiert haben.“

 

Das Rennen

In der letzten Woche vor dem Rennen wurde der Fokus hingegen auf aktive Erholung und Aktivierung gelegt, bevor das Team „Olympiazentrum Tirol“, als das die sieben ÖSV-Athleten sowie Höllrigl und Ebenbichler schließlich antreten sollten, nach Lienz anreiste. Zusammen hat man die Startnummern abgeholt und das Material vorbereitet, und beim gemeinsamen Abendessen am Vorabend wurde schließlich nochmal die Rennstrategie besprochen. „Oberste Devise war, dass sich niemand verletzen sollte“, so Höllrigl. „Vor allem vor den Abfahrten mussten wir warnen – als Skifahrer und Snowboarder haben die Athleten dazu natürlich einen ganz eigenen Zugang.“

Da Höllrigl und Ebenbichler selbst am Rennen teilnahmen, konnten sie während des Rennen nicht auf ihre Schützlinge achtgeben, doch auch so hielten alle ÖSV-Asse den Renn- und die Ernährungspläne ein, sich selbst bei Abfahrten möglichst zurück und bis zum Ende durch – am Ende schafften es allesamt wenngleich erschöpft, aber doch unbeschadet ins Ziel. Dementsprechend zufrieden zeigten sich die Trainer nach dem Rennen, wobei sie sich am meisten über das Engagement ihrer Sportler freuten, die sich voll auf das Event eingelassen hätten. „Zu Beginn des Projekts meinten einige noch, sie würden das Rennen eher locker angehen“, berichtet Höllrigl. „Aber sobald sie die Startnummer übergestreift hatten, sind sie doch alle wieder an ihre Grenzen gegangen.“

 

Alles in allem zeigte sich Stephanie Venier (hier im Bild mit Thomas Rohregger und Siegfried Grabner) zufrieden mit ihrer Leistung bei der Dolomitenrundfahrt.
© Expa Pictures

 

Auch Venier war glücklich mit ihrer Leistung und der Ansicht, dass sie und ihre Kollegen durchaus stolz auf sich sein könnten. „Gerade die Anstiege waren echt hart, vor allem bei der Hitze“, erzählt die Tirolerin. „Aber ich habe mich an den Rennplan und gut mit meinen Kräften hausgehalten.“ Die umfassende Vorbereitung auf das Rennen sei ihrer Meinung nach auf jeden Fall nötig gewesen: „Ohne Anleitung hätten wir uns wohl alle extrem schwer getan. Wobei, leichter wird das Ganze ja nie, man wird nur selbst besser.“ Mit ihrer Zeit von knapp über vier Stunden konnte Venier im Übrigen gut leben. Alles in allem, so meint sie, sei es für sie besser gelaufen als erwartet.

Im Grunde spielen die einzelnen Ergebnisse aber ohnehin keine allzu große Rolle, denn letztendlich sei es nicht das Ziel gewesen, die Athleten so zu konditionieren, dass sie möglichst gut beim Rennen abschneiden würden. Wichtig sei einzig und allein, dass sie möglichst lange von der Vorbereitung und der Erfahrung profitieren, so Ebenbichler. „Die Sportler haben nicht nur mitgenommen, dass Radrennen spannend sein können, sondern auch gemerkt, dass sie viel mehr aus dem Training rausholen können, wenn sie konzentriert bei der Sache sind und die Einheiten genauso durchziehen, wie sie auf dem Plan stehen.“ Ohne ein konkretes Ziel vor Augen wäre das vielleicht nicht ganz so einfach zu vermitteln gewesen.

Text: sport.tirol.at