WETTKAMPFEQUIPMENT IM LEISTUNGSSPORT – ZEITAUFWAND VS. RELEVANZ

eingetragen in: Mario Lazzeri, Research Corner | 0

Neue Technologien scheinen unsere Gesellschaft sehr stark zu beeinflussen. So ist es auch im Leistungssport. Sport- und Wettkampfgeräte durchliefen in den letzten Jahren eine rasante Entwicklung. Es gibt kaum eine Sportart, in der dies nicht der Fall war. Die Sportartikelhersteller und Verbände versuchen gemeinsam mit ihren Athletinnen und Athleten an der Optimierung des individuellen Wettkampfgerätes zu arbeiten, um die Performance nicht dem Zufall zu überlassen. Vor allem in Sportarten, in denen bereits eine Hundertstelsekunde über Sieg oder Niederlage entscheidet, wird viel Zeit und Geld in die Forschung und Materialentwicklung investiert. Aber auch die Sportlerinnen und Sportler sind dabei gefordert. Sie investieren in das „Materialtesten“ ebenfalls viel Zeit und Energie. Oftmals kann dies mehrere Stunden pro Woche dauern. Jedoch stellt sich für mich die provokante Frage, inwiefern die Gefahr besteht, dass man sich zu viel auf das Material fokussiert und dadurch andere Aspekte in den Hintergrund geraten könnten. Ich stelle mir deshalb die Frage, da mir aufgrund der Zusammenarbeit mit Athletinnen und Athleten aus verschiedensten Sportarten aufgefallen ist, dass das Wettkampfmaterial einen immer höheren Stellenwert einnimmt. Ich persönlich sehe diese Entwicklung kritisch. Leider ist es teilweise schon im Kindesalter ersichtlich, dass bereits versucht wird, die materielle Komponente vollkommen auszureizen. Spätestens ab dem frühen Jugendalter zählt das Sportequipment mit zu den wichtigsten Aspekten. Der Skisport, sei es alpin oder nordisch, ist für mich in Österreich ein gutes Beispiel. Aber auch in vielen anderen Sportarten zeigt sich dieses Verhalten.

Das Wettkampfequipment hat meines Erachtens sehr wohl einen entscheidenden Einfluss auf die Performance, da die Sportlerin bzw. der Sportler und das Material immer als Einheit zu betrachten sind. Somit ist es früher oder später unausweichlich, dass sich die Sportlerinnen und Sportler intensiver mit dem Material auseinandersetzen. Auch sollten Athletinnen und Athleten bereits im jungen Alter lernen, ihr Wettkampfmaterial richtig instand zu halten. Die Rede ist hier aber nicht von Präparation und Instandhaltung, sondern von komplexeren Materialänderungen und dem Drang, neueste Technologien immer und überall auszuprobieren. Feinstabstimmungen, intensive Auseinandersetzung und das „Tüfteln“ mit dem Material sollten erst erfolgen, wenn sich die Athletinnen und Athleten sportlich gesehen auf einem hohen Niveau befinden und bereits viel Erfahrung mitbringen. Ich persönlich glaube aber, dass dies oftmals viel zu früh geschieht und der Fokus aller Beteiligten mehr auf das Material gelenkt wird, als auf die entscheidenderen Aspekte, wie Bewegungsausführung bzw. Technik, Athletik, Geschicklichkeit und Lebensweise. Zudem besteht die Gefahr, dass man auf der Materialebene leicht in einen Irrweg gelangt. Junge Athletinnen und Athleten können oft gar nicht einschätzen, ob gewisse Änderungen an dem Equipment positiv oder negativ zu bewerten sind, da sie meist technisch und athletisch noch gar nicht ausgereift sind. Weiters kann man nicht von jungen Sportlerinnen und Sportlern verlangen, dass sie bereits mit zwölf oder dreizehn Jahren ein ausgeprägtes Materialverständnis mitbringen. Aber auch Trainerinnen bzw. Trainer, Serviceleute und Eltern können oftmals nur subjektiv bewerten, ob gewisse Materialänderungen von Vorteil für die Performance waren oder nicht.

Ein weiteres Problem, welches ich in diesem Zusammenhang sehe, ist, dass man bei Misserfolg weiterhin versucht, an der „Materialschraube“ zu drehen, da der Fehler auch dort vermutet wird. Athletinnen bzw. Athleten, sowie deren Umfeld erwarten sich oft einen großen positiven Effekt von der vielen Zeit, welche sie in das „Materialtesten“ investiert haben. Die Enttäuschung ist dann aber dementsprechend groß, wenn die Erwartungen nicht erfüllt wurden. Viele andere Defizite oder Potenziale werden in solchen Phasen ganz übersehen oder geraten in den Hintergrund. Beispielsweise versucht man durch weitere Materialtests ein Problem, welches aber grundsätzlich in der Bewegungsausführung liegt, in den Griff zu bekommen, obwohl dieses vielleicht durch ein gezieltes Techniktraining eher und effizienter behoben werden könnte. Vor allem die Wissenschaft ist aufgerufen, mehr Klarheit über die Optimierung und Erprobung des spezifischen Wettkampfequipments zu erhalten. Wie viel kann man wirklich mit individuellen Materialoptimierungen herausholen und steht der Zeitaufwand dafür? Welchen Einfluss hat dabei die Psyche? Gibt es einen Placebo-Effekt?

Gerade in einer Gesellschaft, in der das Materielle einen immer größeren Stellenwert einnimmt, ist es die Aufgabe der Trainerinnen und Trainer, sowie der Eltern, einen „übergroßen Materialfokus“ zu vermeiden und in vielen Situationen das Hauptaugenmerk wieder mehr auf Bewegungstechnik, Athletik und Lebensweise zu legen.

von Mario Lazzeri, MSc