Messungen im Sport – Aufwand und Nutzen

eingetragen in: Lukas Höllrigl, Research Corner | 0

Im Leistungs- und Breitensport ist es mittlerweile möglich, mit einer sehr hohen Anzahl an Zahlenwerten zu arbeiten. Kaum ein Detail des Sports und der Leistungsfähigkeit kann nicht in mehr oder weniger sinnvollen Kennziffern ausgedrückt werden.

Als Beispiele können hier im simpelsten Falle eine bestimmte zurückgelegte Strecke oder ein gehobenes Gewicht genannt werden. Aber auch sehr viel komplexere Parameter, wie die Herzfrequenzvariabilität zur Bestimmung des „Ermüdungsgrades“ oder diverse herzkreislauf- und stoffwechselrelevante Größen zur Überprüfung des aktuellen Leistungszustandes, können ohne größere Schwierigkeiten erhoben werden.

Unterschieden werden können auch jene Werte, die beinahe täglich zur Trainings- und Wettkampfsteuerung erhoben werden, beziehungsweise jene, die nur punktuell im Jahresverlauf zur genaueren Diagnostik ermittelt werden. Im Idealfall werden diese Werte dann in Beziehung gesetzt, um einen optimalen Leistungsfortschritt zu erzielen. Um ehrlich zu sein, denke ich, dass der Coach versucht, vieles in Zahlen zu fassen, um sämtliche Vorgänge der sportlichen Entwicklung seiner Athletinnen und Athleten planbarer, aber auch analysierbarer zu machen. Selbst wenn eine Trainerin / ein Trainer keinen allzu großen Wert auf Zahlen im Training legt, so kann sie oder er mit einem „so- so“ in den Trainingsaufzeichnungen eines Athleten meist weniger anfangen als mit einer „4“ auf einer Skala von 1-10. Die Frage, die sich aber im großen Allgemeinen stellt, ist allerdings: Wie viel Quantifizierung braucht es in einer Athleten-Trainer-Beziehung, die zum maximalen Erfolg führen soll, bzw. wann wird über das Ziel hinaus geschossen? Im Generellen kann gesagt werden, dass das Verständnis der verwendeten Kennziffern die Verwendung dieser rechtfertigt, dies ist somit die Grundvoraussetzung für Neuerungen in diesem Bereich. Wenn eine Athletin / ein Athlet nicht versteht, warum es Sinn macht, die Zahlen durch viel Mühe und Schweiß in die Höhe zu treiben, wird sie / er nicht ihren / seinen gesamten Einsatz zeigen, um dieses Ziel zu erreichen. Ich denke hier als Beispiel an eine mir bekannte ehemalige Nachwuchsathletin in den 80er Jahren, der die Ergebnisse regelmäßiger Testungen nur unzureichend erklärt wurden. Die Sinnhaftigkeit der „Schinderei“ hat sich somit für sie nicht gezeigt. Dadurch wurden vom Trainer aufgrund mangelnder Motivation ihrerseits falsche Ergebnisse zur weiteren Planung herangezogen. Dies hatte natürlich keinen optimalen Outcome zur Folge, wodurch sich die Motivation der Athletin natürlich auch nicht steigerte – ein Teufelskreis.

Was sich die Trainerin / der Trainer also vor der Einführung neuer Analyse- bzw. Planungstools fragen sollte ist:

1. Kann ich die Werte, die ich erhalte, auch interpretieren? Wie kommen diese zustande? Gibt es Tücken bei der Messung oder Verarbeitung der Daten und welche physiologischen oder psychologischen Parameter werden überhaupt abgebildet?

2. Welche externen Ein ussfaktoren können meine Messungen beein ussen oder stören?

3. Kann ich die neuen Daten mit meinen bisherigen erhobenen in Beziehung setzen und kann ich mir so ein sinnvolles Gesamtkonstrukt zurechtlegen?

4. Steht der zu erwartende Aufwand der Messungen in einer sinnvollen Relation zum möglichen Potential, oder kann er sich aufgrund erhöhter Stressbelastung sogar negativ auswirken?

5. Kann die Athletin / der Athlet die Werte ausreichend interpretieren, um sinnvolles Feedback zu geben?

Langfristig gesehen sollten für Sportler / Sportlerinnen „harte“, messbare Daten eine Hilfe zur Schulung des eigenen Gefühls sein. Hier muss ein ständiger Abgleich zwischen Werten und Gefühl stattfinden, nur so kann die Athletin / der Athlet seinen momentanen Leistungszustand und ihre / seine aktuellen Bedürfnisse für eine optimale Entwicklung dem Coach mitteilen. Worauf dieser wiederum optimal reagieren kann und muss. Speziell im Spitzensport ist ständiges Feedback über das subjektive Gefühl der Athletin / des Athleten unerlässlich, weil es wohl keiner Trainerin / keinem Trainer möglich ist, den absolut optimalen Trainingsreiz im Vorhinein zu planen, denn dieser liegt meist direkt am Übergang zum Übertraining, quasi auf des „Messers Schneide“.

Ein großer Fokus im Nachwuchstraining sollte also auch auf der Schulung des eigenen Gefühls und den damit verbundenen harten Parametern gerichtet sein. Es geht darum, das (gesteuerte) Trainieren zu lernen. Auch der Ausdruck der Trainerin / dem Trainer gegenüber muss gelernt werden, als Athlet / Athletin muss ich kommunizieren können, was ich fühle. Wobei sich der Trainer / die Trainerin hier auf verschiedene Kommunikationsmuster von unterschiedlichen Athletinnen / Athleten einstellen muss. Die Auswahl der Methoden zur Trainingssteuerung und -überwachung müssen immer sehr individuell und zielgerichtet getätigt werden. Somit wünsche ich euch allen ein gutes Händchen bei der Vernetzung mit der Wissenschaft und viel Erfolg bei der Interpretation eurer Messungen.

von Lukas Höllrigl, MSc