Die Liebe zum Sport – und zur Wissenschaft

eingetragen in: Da schau her

Seit 8,5 Jahren arbeitet Lisa Steidl-Müller nun schon im Team des Olympiazentrums Tirol. Angefangen hat sie 2011 als studentische Mitarbeiterin. Seither hat sich sehr viel entwickelt: Sponsion, Promotion, Post-Doc Stelle, Publikationen, Habilitation, Lehre am ISW und seit 1,5 Jahren eine Stelle als Assistenzprofessorin.

Während des Studiums fuhr Lisa zweigleisig und absolvierte sowohl das Diplomstudium Lehramt (Italienisch sowie Bewegung und Sport), als auch den Bachelorstudiengang Gesundheits- und Leistungssport. Damals war es noch gänzlich offen, ob ihre berufliche Perspektive eher in der Schule oder in der Wissenschaft liegen würde.

Das Probejahr in der Schule hat Lisa noch erfolgreich absolviert. Auf dem Weg in den Einstieg in den Lehreralltag kam ihr aber dann die Liebe zur Wissenschaft dazwischen. Diese hatte sie bereits beim Schreiben ihrer Diplomarbeit entdeckt und ergriff dann die großartige Möglichkeit, sich im Rahmen der Dissertation weiterführend mit der Thematik des relativen Alterseffekt im alpinen Skirennlauf zu beschäftigen. Ihre Forschungsergebnisse prägen nicht nur ihre persönliche wissenschaftliche Laufbahn, sondern beeinflussen auch die Talentsichtung im alpinen Skirennlauf. Der Fokus ihrer wissenschaftlichen Arbeit liegt seither entsprechend sowohl in der, von Prof. Christian Raschner seit mehreren Jahrzehnten laufenden Talentforschung im Skirennlauf, als auch in einem in einem von Lisa initiierten großangelegten Projekts zur Verletzungsprävention im Nachwuchsskirennlauf in Zusammenarbeit mit der Ski-Mittelschule Neustift. Als leidenschaftliche Skifahrerin schätzt Lisa die Möglichkeit, sich auch wissenschaftlich mit dem Ski-Sport auseinanderzusetzen. In der Lehre am ISW konzentriert sie sich unter anderem auf die Fachdidaktik des Schulsports, auf die Vermittlung von wissenschaftlichem Arbeiten und im Rahmen des Bachelorseminars auf die Betreuung der Bachelorkandidaten.

Aus beruflicher Perspektive war das Freiwerden der studentischen Mitarbeiter-Stelle am Institut für Sportwissenschaft im Bereich Trainingswissenschaft bei Prof. Christian Raschner, und somit die Möglichkeit, im Team des Olympiazentrums mitzuwirken, der Türöffner zu ihrer bislang sehr erfolgreichen wissenschaftlichen Karriere. Bei der Erinnerung an die Anfangszeit muss Lisa lächeln und sich nochmals kurz bei Roland Luchner bedanken, der die Stelle damals „frei“ gemacht hatte. Heute sitzen beide gemeinsam in einem Büro und blicken bereits auf viele konstruktive und produktive als auch unterhaltsame Arbeitstage zurück.

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WORDRAP „DA SCHAU HER“

Seit Anfang 2019 hast du eine Stelle als Assistenzprofessorin an der Universität und bist im Team des Olympiazentrums. War es für dich eine Entscheidung für die Wissenschaft oder gegen den Lehramtsberuf?

Definitiv für die Wissenschaft! Es gibt für mich nicht wirklich einen Grund gegen den Lehramtsberuf, aber so lange ich die freie Wahl habe, gebe ich der Wissenschaft den Vorrang. Zumal ich durch die Lehre in der Uni auch meine „Schüler“ habe und unterrichten kann (und mir der Ärger mit den Eltern erspart bleibt).

Was fasziniert dich an der wissenschaftlichen Arbeit?

Insbesondere reizt es mich, unerforschte Dinge herauszufinden, sich Themen anzunehmen und Expertise aufzubauen. Mich freut es, wenn man mit Forschung etwas in der Praxis bewirken kann, wie zum Beispiel zu mehr Fairness oder zur Verletzungsprophylaxe beitragen zu können.

Einer deiner Forschungsschwerpunkte ist die Talentforschung. Was begeistert dich an der Talentforschung?

Mir gefällt die Arbeit mit den NachwuchsathletInnen. Durch Ungerechtigkeit in der Talentsichtung werden zum Teil Träume zerstört. Es gibt verschiedene Einflussfaktoren und manchmal kommt es zu Selektionsfehlern. Sich mit der Talentforschung weiter zu beschäftigen ist zumindest der Versuch zu mehr Fairness beizutragen. Zudem ist es natürlich die Freude darüber, die Entwicklung der AthletInnen mitzuerleben und vielleicht einen kleinen Beitrag dazu leisten zu können. In dem Forschungsbereich bin ich noch immer glücklich.

Nachdem du dich so viel mit der Talentforschung beschäftigt hast, gibt es für dich eine ganz persönliche Definition von Talent?

Für mich ist Talent ein Zusammenspiel aus einer hohen intrinsischen Motivation, der körperlichen Voraussetzung für eine Sportart und vor allem einem großen Entwicklungspotential. Leistung muss immer im Zusammenhang mit dem aktuellen Entwicklungsstand gesehen werden. Zudem gehört eine hohe Anpassungsfähigkeit und eine hohe Lernbereitschaft zur sportlichen Weiterentwicklung. Ohne eigene Motivation geht es jedoch nicht.

Verrätst du mir ein geheimes Talent von dir? Oder hast du eine Schwäche, die du verraten willst?

Meine Schwäche ist definitiv: Ich bin Perfektionistin. Ansonsten habe ich eigentlich das Gefühl, dass ich meine Talente nicht verberge. Ich sportle, koche, backe und nähe unglaublich gerne und bereite anderen gerne mal eine Freude. Aber das kann man vielleicht nicht als Talent sehen… (Roland wirft prompt von gegenüber ein, dass er es definitiv als Talent ansehen würde).

Wie sieht dein Arbeitsalltag im Team des OZ aus?

Durch die vielen verschiedenen Bereiche ist mein Arbeitsalltag unglaublich abwechslungsreich und nie langweilig. Die Koordination der Leistungsdiagnostik am OZ und die damit einhergehende Terminverwaltung nimmt viel Zeit in Anspruch, genauso wie die PraktikantInnen-Betreuung. In der Forschung kann ich recht frei arbeiten und überlege mir gemeinsam mit Carolin Hildebrandt und Christian Raschner, was die nächsten Schritte sein können. Hier gilt es, stets auf dem aktuellen Stand der Literatur zu sein, Daten zu erheben und auszuwerten, Publikationen zu schreiben und die eigenen Forschungsergebnisse auf Kongressen oder Fortbildungen weiterzugeben. Neben der Forschung nimmt auch die Lehre einen großen Teil meiner Arbeit ein. In die Lehre stecke ich recht viel Energie und versuche mich immer daran zu erinnern, was ich selbst als Studentin gerne bekommen hätte in den Lehrveranstaltungen und versuche, das umzusetzen. Ich möchte mit den StudentInnen und nicht gegen sie arbeiten.

Grundsätzlich ist der Alltag schon sehr stressig, aber ich schaue immer, dass mein Sport nicht zu kurz kommt und das Privatleben auch nicht. Aber Wissenschaft macht am Wochenende eben keine Pause…

An welchen spannenden Projekten arbeitest du zurzeit? Oder ist das noch top-secret?

Zum einen arbeite ich fortlaufend an einem langfristigen Projekt zur Verletzungsprävention mit der Ski-Mittelschule Neustift. Hier haben wir gerade einen Artikel publiziert über eine Studie, in der wir uns den Einfluss von Trainingsbelastungsmerkmalen auf das Verletzungs- und Krankheitsrisiko angeschaut haben. Des Weiteren habe ich vor Kurzem einen Artikel über die Veränderungen in der sportmotorischen Leistungsfähigkeit sowie der anthropometrischen Daten über eine Saison als mögliche Verletzungsrisikofaktoren publiziert. Dort konnte gezeigt werden, dass SportlerInnen, welche sich in ihrer Sprungkoordinationsfähigkeit mehr verbessern konnten innerhalb einer Saison, ein geringeres Verletzungsrisiko aufwiesen. Außerdem zeigte sich, dass AthletInnen mit großen Wachstumsschüben vorübergehend einem größeren Verletzungsrisiko ausgesetzt sind. Vor Kurzem wurde auch ein Artikel akzeptiert, in welchem wir uns die Entwicklung des sportmotorischen Leistungsniveaus von NachwuchsskirennläuferInnen im Vergleich von vor 15 Jahren und heute angeschaut haben. Hier sind klare Tendenzen zu erkennen, dass die heutigen NachwuchsskirennläuferInnen deutlich bessere Rumpfkraftwerte aufweisen als jene, die vor 15 Jahren getestet wurden, was sich durch diverse Trainingstrends und diverse Verletzungsstudien, in denen die Bedeutung der Rumpfkraft in der Verletzungsprävention aufgezeigt wurde, in den letzten Jahren erklären lässt. Zudem startet ein Projekt, welches den Einfluss des biologischen Entwicklungsstandes bzw. diverser anthropometrischer Parameter auf das Verletzungsrisiko untersuchen wird. Hier sind schon klare Tendenzen zu erkennen, dass weniger weit entwickelte Kinder ein höheres Verletzungsrisiko haben, da die Trainingsintensitäten nicht genügend differenziert werden. Darauf aufbauend sollen dann noch weitere Risikofaktoren im Nachwuchsskirennlauf untersucht werden. Im Herbst wird zudem das Klug und Fit Projekt fortgesetzt. In Kooperation mit der Uni Salzburg wird dabei die sportmotorische und kognitive Leistungsfähigkeit der österreichischen Schuljugend untersucht.

Was schätzt du am meisten an der Arbeit am Olympiazentrum?

Definitiv das Team und die feine Atmosphäre am Olympiazentrum. Zudem schätze ich die Wertschätzung und Eigenständigkeit. Meine Arbeit besteht nicht in einem Abarbeiten einer to-do Liste, sondern ich kann meine eigenen Vorstellungen verwirklichen.

In 8 Jahren Arbeit am OZ. Welcher Moment ist dir am eindrucksvollsten in Erinnerung?

Da gibt es so viele schöne und lustige Momente, an die man gerne denkt…

Worin siehst du die Vorteile und (Nachteile?) der Zusammenarbeit des Instituts für Sportwissenschaft und des Olympiazentrums?

Hauptsächlich sehe ich Vorteile, vor allem in der Verknüpfung zwischen Theorie und Praxis. Durch die enge Zusammenarbeit kann die tägliche Forschung in die tägliche Praxis übertragen werden. Viele der Trainer am OZ halten Lehrveranstaltungen und können so ihre Erfahrungen direkt an die StudentInnen weitergeben. Außerdem ist es für die Studierenden von Vorteil, dass sie im Zuge eines Praktikums im Olympiazentrum die Möglichkeit haben, das im Studium Gelernte in der Praxis anwenden zu können bzw. beobachten zu können.

Wo findet man dich, wenn nicht im OZ?

Auf dem Tennisplatz, beim Skifahren, beim Klettern, bei den Neffen und Nichten oder daheim beim Nähen, Kochen oder Arbeiten.

Du hast schon früh angefangen Tennis zu spielen. Wer war damals größer, du oder der Tennisschläger?

Viel wird da tatsächlich nicht gefehlt haben. Allerding spiele ich schon seit ich denken kann Tennis und habe daher keine genaue Erinnerung an die ersten Tage auf dem Tennisplatz. Ich glaube ich war zwei Jahre alt, als mir meine Familie das erste Mal einen Schläger in die Hand gegeben hat.

Hast du Vorbilder oder Leute, die dich inspiriert haben bzw. inspirieren?

Meine Eltern, sie haben mich sowohl beruflich als auch menschlich inspiriert und mir gezeigt, dass man Beruf und Familie sehr wohl gut unter einen Hut bekommen kann.

Was war dein Traumberuf in der Kindheit?

Als kleines Kind wollte ich Hebamme werden, wobei ich da nicht wirklich wusste, was eine Hebamme macht… Später wollte ich immer Lehrerin werden.

Gibt es eine sportliche Karriere, vor der du besonders Hochachtung hast und welche du besonders viel verfolgst oder verfolgt hast?

Ja, bei Marcel Hirscher hat mich immer die Konsequenz fasziniert, mit welcher er seiner sportlichen Karriere nachgegangen ist. Er war wahrhaftig ein vollkommener Athlet und sicherlich für viele Nachwuchssportler ein Vorbild.

Die Entwicklung von Anna Stöhr habe ich ebenfalls sehr nah mitbekommen, da auch ein persönlicher Kontakt vorliegt. Sie hat sehr viel erreicht und durch ihre beeindruckende Karriere und ihr sympathisches Auftreten den Klettersport in Österreich vorangetrieben.

Blog by Adele Tietgen