DER RELATIVE ALTERSEFFEKT

eingetragen in: Lisa Müller, Research Corner | 0

Wussten Sie, dass eigentlich bereits der Zeitpunkt der Geburt darüber mit entscheiden kann, ob Ihr Kind theoretisch überhaupt die Chance hat, jemals in einer Sportart, wie beispielsweise im alpinen Skirennlauf, für einen Kader selektiert zu werden und es an die Spitze zu schaffen? Somit stellt bereits das Geburtsmonat die erste Selektionsstufe dar. Dieses Phänomen ist in der Sportwissenschaft als der „Relative Alterseffekt“ (RAE) bekannt.

In der Gesamtbevölkerung werden pro Monat in etwa gleich viele Personen geboren.Wenn man die Monate des Jahres in vier Quartale einteilt, so sind ca. 25% der Gesamtbevölkerung in jedem Quartal geboren. In vielen Sportarten ist dies bei selektierten Sportlergruppen nicht der Fall: dort ist eine Überrepräsentation von früh im Selektionsjahr geborenen AthletInnen gegeben. In vielen Sportarten ist der 1. Jänner der Selektionsstichtag für die Wettkampfklasseneinteilung und demnach sind die meisten SportlerInnen, die in diesen Sportarten für höhere Kader etc. selektiert werden, in den ersten Monaten des Jahres geboren. Beispielsweise sind knapp 34% der Elite-SkirennläuferInnen im Weltcup lediglich in den Monaten Jänner, Februar und März geboren, darunter auch unsere auf Seite 8 abgebildete Athletin Elisabeth Görgl, die im Februar geboren wurde. Bei den TeilnehmerInnen der Junioren-Ski-Weltmeisterschaften 2009-2011 sind 37% in den ersten drei Monaten und lediglich 16% in den letzten drei Monaten des Jahres geboren. Wenn man sich die Geburtsquartalverteilung aller TeilnehmerInnen der Kids Cup-Rennen in Österreich (Alter: 7-11 Jahre) ansieht, so ist zu erkennen, dass über 30% im ersten Quartal und nur 12% im letzten Quartal geboren sind. Noch größer ist der Unterschied bei den vermeintlich talentiertesten Kindern dieser Altersgruppe, die für das nationale Kids Cup-Finale pro Bundesland ausgewählt werden, denn dort sind knapp 40% im ersten Quartal und lediglich 10% im letzten Quartal geboren. Dieser RAE wurde im alpinen Skirennlauf für jede Alterskategorie auf nationalem sowie auf internationalem Niveau nachgewiesen; dieser ist aber auch in vielen anderen Sportarten vorhanden, wie beispielsweise im Fußball in Österreich. Nachdem das Talent in einer Sportart sicherlich nicht vom Geburtsmonat abhängt, deutet das Vorhandensein des RAE auf einen Selektionsfehler im Talententwicklungssystem hin. Daher scheint es wichtig, die zugrundeliegenden Mechanismen des RAE für jede Sportart zu erheben.

Im Zuge eines größeren Projektes wurde dies von MitarbeiterInnen des Olympiazentrums für die Sportart Ski Alpin untersucht. Zwischen zwei AthletInnen, die in der gleichen Wettkampfklasse starten, kann ein Altersunterschied von bis zu 12 Monaten liegen, wenn eine/r im Jänner und eine/r im Dezember geboren ist. Dieser Altersunterschied führt zu einem größeren Erfahrungshorizont des/r relativ Älteren in Training und Wettkampf und zu einem Entwicklungsvorsprung. Dadurch können die relativ Älteren aktuell bessere Leistungen erbringen, werden als vermeintliche Talente selektiert,bekommen bessereTrainingsmöglichkeiten und höher qualifiziertere Trainer etc. und somit kommt ein so genannter „Teufelskreis“ ins Rollen, weil sie dadurch immer noch bessere Leistungen erbringen können und somit auch das Feedback von TrainerInnen, Eltern und Freunden immer positiver wird. Dadurch entsteht ein riesiger Vorteil der relativ Älteren, welcher oft für die relativ Jüngeren nicht mehr aufzuholen ist. Deshalb steigen viele relativ jüngere SportlerInnen verfrüht aus dem Sport aus, was deshalb längerfristig zu dem RAE und der damit verbundenen nicht gleich-ver teilten Gebur tsquar talver teilung führ t. Somit besteht eine Diskriminierung von jungen Talenten, da die relativ jüngeren SportlerInnen trotz ihres Talents nur eine geringe Chance haben, das Elitelevel zu erreichen. Es konnte aufgezeigt werden, dass selektierte junge SkirennläuferInnen das gleiche sportmotorische Leistungsniveau aufweisen, egal wann im Jahr sie geboren sind. Dies deutet darauf hin, dass relativ jüngere AthletInnen nur dann eine Chance haben, selektiert zu werden, wenn sie bereits ein höheres sportmotorisches Leistungsniveau aufweisen. Zudem konnte gezeigt werden, dass relative ältere SkirennfahrerInnen eine zusätzlich höhere Wahrscheinlichkeit haben, selektiert zu werden, wenn sie größer und schwerer sind. Somit haben auch die anthropometrischen Charakteristika einen Einfluss auf die Talentselektion im alpinen Skirennlauf. Außerdem konnte aufgezeigt werden, dass nur jene spät im Jahr geborenen SportlerInnen eine Chance haben, beispielsweise für das nationale Kids Cup-Finale (Alter 10-12 Jahre) selektier t zu werden, wenn sie früh entwickelt sind. Wenn man eine Vergleichsgruppe von gleichaltrigen Nicht-SportlerInnen in früh, normal und spät entwickelt einteilt, so sind in jedem Quartal ca. 70% normal entwickelt und jeweils ca. 15% früh und spät entwickelt. Bei den für das nationale Kids Cup-Finale selektierten SkirennläuferInnen war dies nicht der Fall, da beispielsweise im letzten Quartal 50% früh entwickelt und 50% normal entwickelt waren. In der gesamten Gruppe der Kids Cup-FinalistInnen gab es keine spät entwickelten Kinder. Dies zeigt deutlich auf, dass der biologische Entwicklungsstand den RAE und somit die Selektion im alpinen Skirennlauf sehr stark beeinflusst. Somit ist es wichtig, neben den anthropometrischen Parametern auch den biologischen Entwicklungsstand in der Talentselektion zu berücksichtigen, um spät entwickelte Kinder nicht zu diskriminieren, und um in weiterer Folge zur Minimierung des RAE im alpinen Skirennlauf beizutragen.

Daher war ein weiteres Ziel des durchgeführten Projektes, eine einfach anwendbare Methode zur Erhebung des biologischen Entwicklungsstandes zu finden. Die Gold- Standard-Methode zur Erhebung des biologischen Alters stellt das Handwurzelknochenröntgen der linken Hand dar. Diese Methode ist jedoch sehr teuer, bedarf der Expertise eines Mediziners sowie der entsprechenden Gerätschaften und außerdem ist sie mit einer Strahlenbelastung verbunden. Daher eignet sich diese Methode nicht, um sie standardmäßig in der Talentselektion einzusetzen. Man kann nicht verlangen, dass jeder Verein bzw. Verband seine Schützlinge zum Röntgen schickt, um das biologische Alter zu erheben. Daher wurde eine Methode von Mirwald et al., welche lediglich auf anthropometrische Parameter zurückgreift, auf ihre Gültigkeit überprüft, indem die Ergebnisse mit den Ergebnissen des Handwurzelknochenröntgens bei einer Gruppe von jungen SkirennläuferInnen und einer Vergleichsgruppe von Nicht- SportlerInnen verglichen wurden. Diese letztgenannte Methode wird als „Age at Peak Height Velocity (APHV)- Methode“ bezeichnet und sie berechnet anhand von geschlechtsspezifischen Prognosegleichungen jenes Alter, in welchem das Individuum den individuell größten Wachstumsschub erreichen wird. Dies ist in weiterer Folge ein Indikator, wie weit entwickelt das Kind ist. Dafür müssen lediglich die Größe, die Sitzgröße (siehe Foto S. 7), das Gewicht und die Beinlänge erhoben, sowie das genaue Alter berechnet werden. Es konnte aufgezeigt werden, dass die Ergebnisse der beiden Methoden vergleichbareWerte liefern und somit kann die einfach anwendbare APHV-Methode zukünftig in der Talentselektion eingesetzt werden. Dadurch soll dazu beigetragen werden, dass spät entwickelte Kinder nicht mehr diskriminiert werden.

Der RAE stellt ein zentrales Problem in vielen Sportarten, wie beispielsweise im alpinen Skirennlauf, dar. Es ist wichtig, Maßnahmen zu setzen, um diesen Effekt minimieren zu können. Daher sollten aufbauend auf den Erkenntnissen des durchgeführten Forschungsprojektes zukünftig in der Talentselektion das relative Alter, anthropometrische Charakteristika und der biologische Entwicklungsstand berücksichtigt werden, um keinem Talent bereits frühzeitig jegliche Chance auf die Entwicklung seines/ihres Potentials zu nehmen und verfrüht aus dem Sport aussteigen zu lassen. Denn dadurch würden viele, junge Talente verloren gehen, die uns dann im Elitebereich fehlen würden.Wie vieleTalente in den letzten Jahren bereits verloren gegangen sind und wie viele Medaillen Österreich somit bei Großereignissen durch die Lappen gegangen sind, ist schwer zu sagen, aber viele waren es sicherlich…

von Lisa Müller